Die Corona-Jahre

Es gibt Ereignisse, bei denen es ein klares "davor" und "danach" gibt. Der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums mit dem Fall der Berliner Mauer gehört zu diesen Ereignissen, wie auch die Anschläge im Jahr 2001 auf das World Trade Center in New York. Beide Ereignisse läuteten jeweils eine neue Epoche ein.
 
Die Corona-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 hat keine solche neue Ära eingeläutet, auch wenn sie die Welt für fast zwei Jahre in Atem hielt. Trotzdem wirkt diese Pandemie noch immer nach und es braucht vermutlich noch Jahre, bis sich alle diese Nachwirkungen wieder aufgelöst haben, wenn dies überhaupt möglich ist.
 
Helfen kann dabei die Erinnerung. Eine solche Erinnerung an die Corona-Zeit soll an dieser Stelle stattfinden. Mit Texten und Beiträgen unserer Gemeinde aus dieser Zeit. Hinzu kommt ein "Rahmen", der die Beiträge zeitlich einordnet. Dabei ist dieser "Rahmen" subjektiv und er ist verkürzt, aber er gibt einige Erfahrungen aus unserer Gemeinde aus dieser Zeit wieder. 
 
Vielleicht regen diese Erinnerungen ja auch Ihre Erinnerungen an? Und vielleicht helfen Ihnen diese Erinnerungen, einen Teil der Verbitterung abzulegen, die sich in dieser Zeit vielleicht bei Ihnen gebildet hat? Genauso, wie Ihnen eine solche Erinnerung vielleicht hilft, mit den Menschen wieder ins Gespräch zu kommen, zu denen Sie in dieser Zeit den Kontakt verloren haben? Zu wünschen wäre uns dies allen. 
 
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Die Vorgeschichte
 
 Als Anfang des Jahres 2020 die ersten Meldungen über einen neuartigen Virus durch die Medien ging, rechnete kaum jemand damit, dass dieser Virus die Welt in den kommenden zwei Jahren in Atem halten würde. Die Menschen fühlten sich in dieser Zeit sicher. Es fehlte ihnen die Erfahrung einer weltweiten Pandemie. Aber dann rückten die Meldungen von Erkrankungen mit jeder Woche näher. Es gab erste Fälle in anderen europäischen Ländern. Dann in Deutschland. Die Aufmerksamkeit wuchs. Dabei war zu dieser Zeit noch völlig unklar, auf welchem Weg der neuartige Corona-Virus übertragen wurde, und es war auch noch nicht klar, wie gefährlich er sein würde. So wuchs die Unsicherheit.
 Dann ging auf einmal alles ganz schnell. Der Virus breitete sich immer rasanter aus. Erste Todesfälle traten in Deutschland auf (unter anderen auch in verschiedenen Kirchengemeinden, in denen Chöre größere Proben oder Auftritte hatten) und spätestens nach den Bildern im Fernsehen aus dem italienischen Dorf Bergamo, in dem das Militär die Körper der Verstorbenen abtransportieren musste, weil die Verwaltung vor Ort mit der Menge der Verstorbenen nicht mehr zurecht kam, war klar, dass sich hier eine größere Krise anbahnte.
 
Der erste Lockdown
 
Im Frühjahr 2020 erfolgte für mehrere Wochen ein Lockdown, um die stetig anwachsende Welle der Corona-Erkrankungen zu verlangsamen und einen möglichen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern. Die Schulen wurden geschlossen. In den Betrieben wurde - wenn möglich - Homeoffice eingeführt. Private Treffen außerhalb der eigenen Familie waren verboten. Dies war ein bis zu dieser Zeit unvorstellbarer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Menschen.
 
 Auch unserer evangelische Kirchengemeinde Maulburg war von diesem Maßnahmen betroffen.Dabei waren wir, genauso wie der Rest der Gesellschaft, von dieser Maßnahme überrascht worden. Der Gemeindebote war gerade frisch gedruckt - mit allen Terminen für die kommende Zeit - nun konnten sich die Gruppen und Kreise plötzlich nicht mehr treffen. Der Konfirmandenunterricht fiel aus. Ja selbst Gottesdienste konnten in dieser Zeit nicht mehr stattfinden. Wir versuchten in dieser Zeit auf andere Weise den Menschen nahe zu sein. So war die Kirche in diesen Wochen geöffnet und es hingen dort jede Woche kurze Andachen aus, die auch auf der Internetseite unserer Gemeinde zu finden waren. Dazu gab es das eine oder andere Gespräch "über den Gartenzaun".
 
 Ingesamt ist mir diese Zeit als eine Zeit in Erinnerung geblieben, in der die Menschen im Leid zusammenstanden. So wurden die Kassierinnen in den Supermärkten mit großer Hochachtung behandelt und die Krankenschwestern - und pfleger, wie auch die Ärztinnen und Ärzte in den Kliniken wurden mit Applaus bedacht.
 
 
 
Auch das Osterfest 2020 musste wegen des Lockdowns ausfallen. Stattdessen luden wir in der Maulburger Gemeinde dazu ein, auf ihren Balkonen, ihren Gärten und aus ihren Fenstern das Lied "Christ ist erstanden" zu spielen und zu singen. Einige Menschen fanden sich dazu auch vor der Kirche ein.
 
 
Vor der Kirche war ein Tisch mit Osterkerzen aufgestellt. Jede und jeder der vorbei kam, war eingeladen, sich eine Kerze mit einem Osterlicht nach Hause zu nehmen.
 
 
 
Die "Zwischenphase"
 
Nachdem Deutschland die erste Coronawelle durch den Lockdown im Vergleich zu manch´ anderen Ländern relativ wohlbehalten überstanden hatte, fand mit dem beginnenden Sommer eine langsame Öffnung statt. Die Politik fuhr dabei auf "Sicht". Das hieß: alle Maßnahmen konnten jederzeit wieder verändert werden. Zu groß war die Angst der Verantwortlichen, dass das Gesundheitssystem unter einem erneuten Anwachsen der Infektionszahlen zusammenbrechen könnte. Zu diesen Maßnahmen zählten unter anderem Abstandsregeln, sowe eine Maskenregel (diese Masken wurden am Anfang noch aus Stoff in Heimbarbeit hergestellt, erst später wurde ein medizinischer Mundschutz, bzw. eine FFP2- Maske vorgeschrieben). Diese Regeln waren in jedem Bundesland anders, und sie wurden regelmäßig verändert. Meist wurden die neuen Regeln erst am Sonntag-Abend auf der Interentseite des Landes veröffentlicht, waren dann aber bereits ab Montag gültig. Dies machte es extrem mühsam, Veranstaltungen und Gottesdienste regelkonform durchzuführen. Am Anfang gab es für die Ausformulierungen der Regeln auch noch keine Vorlage durch den Oberkirchenrat, die auf die Ortsverhältnisse hätte angepasst werden können. So müssten die ersten Hygiene-Pläne komplett vor Ort erstellt werden.
 
Wir nutzten in unserer Gemeinde von Anfang an an die Möglichkeit, wieder Gottesdienste zu feiern und uns zu Veranstaltungen zu treffen. Uns trieb das Gefühl an, dass die Menschen nach dem Lockdown nach Gemeinschaft suchten, selbst wenn diese Gemeinschaft durch die Abstandsregeln nur eingeschränkt möglich war.
 
 So fanden die ersten Gottesdienste nur mit großem Abstand und einer eingeschränkten Liturgie statt, so dass die Gottesdienste wesentlich kürzer waren. Auch wurde im Gottesdienst nicht gesungen. Dazu fanden Gottesdienste auch draußen statt, wie z.B. die Gottesdienste in Bewegung.
 
 
 Auch Gemeindeveranstaltungen konnten in dieser Zeit nur mit Abstand und mit regelmäßigem Lüften stattfinden. Durch die Abstandsregeln gab es eine Höchstzahl von Personen, die sich im Gemeindehaus aufhalten konnten. Diese Höchstzahl belief sich auf nur zwölf Personen, während sich in früheren Zeiten bei Festen bis zu hundert Personen im Gemeindehaus aufhielten (Hygiene-Schutz-Konzept).
 
 Einen Einblick in diese Zeit direkt nach dem ersten Lockdown gibt auch der Gemeindebote, der zum Pfingstfest 2020 erschien.
 
Im Sommer 2020 kam trotz dieser massiven Einschränkungen eine gewissen Leichtigkeit auf. Die Menschen hielten sich viel an der freien Luft aus. Die Infektionszahlen hielten sich in Grenzen. Wir nutzten in unserer Gemeinde diese Zeit, um z.B. den Konfirmandenuntericht wieder aufzunehmen und im Herbst (mit zwei Gottesdiensten) gemeinsam die Konfirmation zu feiern.
 Je näher aber die kalte Jahreszeit heran rückte, umso mehr stieg jedoch die Anspannung. Würde es bei den steigenden Infektionszahlen einen zweiten Lockdown geben? Und wenn ja: Wann würde er kommen? Und wie lange würde er dauern? Die Politik fuhr dabei weiterhin auf "Sicht". Dies vergrößerte die Unsicherheit der Menschen. Keiner wusste,was in den nächsten Wochen und Monaten auf sie oder ihn zukam. Obwohl die Infektionszahlen stiegen, geschah erst einmal nichts.
 Angesichts der steigenden Infektionszahlen, fragten wir uns im Kirchengemeinderat, wie wir in unserer Gemeinde Weihnachten feiern wollten. Weihnachtsgottesdienste in der Kirche, und seien es auch mehrere hintereinander, erschienen uns als keine gute Lösung. So planten wir einen Weihnachtsgottesdienst auf der Wiese unterhalb des Friedhofs. Die Planungen waren aufwendig (Stichwort: Sicherheitskonzepot und Hygiene-Schutz-Verordnung), trotzdem waren wir auf einem guten Weg. So luden wir Anfang Dezember voller Freude zu dem Gottesdienst in unsererm Gemeindeboten ein.
 
Der zweite Lockdown
 
Aber dann wurde kurz vor Weihnachten ein zweiter Lockdown ausgerufen. Alle Gottesdienste im Kirchenbezirk fielen aus. Theoretisch hätten wir im Freien einen Gottesdienst zu Weihnachten feiern können, aber es wäre der einzige Weihnachtsgottesdienst im ganzen Landkreis gewesen. Wir fragten uns, ob wir die Situation auch dann verantwortlich handhaben könnten, wenn zu diesem Gottesdienst keine dreihundert Menschen, sondern dreitausend Menschen kämen? Am Ende siegten die Bedenken und wir sagten den Weihnachtsgottesdienst im Freien ab. Stattdessen erstellten wir innerhalb kurzer Zeit einen Online-Weihnachts-Gottesdienst.
 
 
Die nachfolgende Zeit gestaltete sich schwierig. Viele Aktivitäten verlagerten sich ins Internet. So fand der Konfirmandenunterricht nur online statt. Auch die Kirchengemeinderatssitzung fanden in dieser Zeit in Form einer Zoom-Konferenz statt. Da die Erstellung eines Online-Gottesdienstes mit einem hohen Aufwand verbunden war, erstellten wir ab Ende Januar 2021 Hörgottesdienste. Musikerinnen und Musiker aus der Gemeinde nahmen dazu Musikstücke auf, Kirchengemeinderätinnen und -räte erstellten Lesungen oder sprachen Gebete. Am Ende wurden die verschiedenen Sound-Dateien zusammengeschnitten und online gestellt.
 
 
 
Gottesdienst zum dritten Sonntag nach Epiphanias
(Sonntag 30. Jan. 2021; Ruth 1, 1-19a)
 
 
(Zum Abspielen bitte auf das schwarze Dreieck klicken)
 
 
Im Verlauf des Frühjahrs war es zum Teil wieder möglich, Gottesdienste mit Abstand und mit medizinischem Mundschutz in der Kirche zu feiern. Wir nutzten in unserer Gemeinde diese Möglichkeit. Wir hofften, auch das Osterfest in der Kirche feiern zu können (vgl. Gemeindebote vom Frühjahr 2021), dies war jedoch nicht möglich. So erstellen wir für Ostern zwei Online-Gottesdienste. Einen Gottesdienst für Erwachsene, und einen zweiten für Kinder. Auch nahmen wir wieder die Tradition der Hörgottesdienste auf. So finden Sie hier den letzten der Hörgottesdienste vom 11. April 2021)
 
 
 
(Zum Abspielen bitte auf das schwarze Dreieck klicken)
 
 
Die Zeit nach dem zweiten Lockdown
 
Der zweite Lockdown hat bei vielen Menschen tiefe Spuren hinterlassen. Manche Menschen litten unter finanziellen Problemen, weil durch den Lockdown ihre Einnahmequellen weggebrochen waren. Familien mit kleinen Kindern lebten in dieser Zeit auf engsten Raum zusammengedrängt, was zum Teil sehr belastend war. Andere fanden sich auf einmal völlig allein wieder und vereinsamten. Und wieder andere hatten in dieser Zeit Angehörige durch die Corona-Pandemie verloren. Psychische Probleme nahmen in dieser Zeit zu, ebenso wie sich bei vielen Menschen eine wachsende Wut aufstaute, die sich an den unterschiedlichsten Stellen entlud. 
 Zum einen entzündete sich diese Wut zunehmend an den aktuellen Corona-Schutz-Bestimmungen, zum anderen aber auch in den Diskussionen um die in dieser Zeit aufkommenden Impfstoffe. Es gab hohe Erwartungen an die neuen Impfstoffe (dass diese z.B. eine Neuinfektion verlässlich verhindern könnten), es gab aber auch große Ängste (schließlich waren die Impfstoffen neu und noch nicht lange erprobt). Manche Erwartungen wurden in dieser Zeit zurechtgestutzt, manche Ängste verflogen, trotzdem verhärteten sich die Fronten weiter. Die Frage nach dem richtigen Umgang mit der Corona-Pandemie spaltete die Gesellschaft und führte in vielen Bereichen zu einem Gesprächsabbruch. Verschwörungstheorien nahmen zu (was z.B. die Impffolgen anging), umgekehrt taten sich aber auch die offiziellen Stellen in dieser Zeit schwer, mögliche Impfschäden anzuerkennen.
 
Ein zentraler Auslöser für diese Wut war die Erfahrung der Ohnmacht. Selbst nichts tun zu können, ja, hilflos fremden Mächten augeliefert zu sein, ist nur schwer zu ertragen. Eine solche Ohnmacht war für viele Menschen neu. Wut war ein mögliches Bewältigungsmuster für diese Erfahrung. Eine solche Ohnmacht ist zugleich eine zentrale Karfreitagserfahrung. So kann uns vielleicht gerade der Blick auf Karfreitag helfen, andere Bewältigungsmuster für diese Ohnmacht zu finden.
 
 
 
Die Jahre nach Corona
 
Es war für mich erstaunlich, wie schnell sich die Menschen nach dem Auslaufen der Pandemie wieder an die "Normalität" gewöhnt haben. Das galt auch für mich selbst. Trotzdem war danach nicht wieder alles wieder so, wie es vorher war, dafür waren die Belastungen, der die Menschen in dieser Zeit ausgesetzt waren, zu groß. Vor allem die Kinder und Jugendlichen hatten in den Jahren nach der Pandemie viel aufzuholen, nicht nur an versäumten Lernstoff, sondern auch an versäumten Erfahrungen von Gemeinschaft. Viele Menschen, die in den Coronajahren vereinsamt waren, fanden nur schwer wieder in die Gemeinschaft zurück.Auch gab es bei einigen Menschen gesundheitliche Langzeitschäden durch Long-Covid. Und nicht zuletzt tragen aus dieser Zeit noch immer viele Menschen eine gehörige Portion Wut mit sich herum. Aber auch manche Ideen aus der Corona-Zeit überdauerten, wie z.B. das Arbeiten im Homeoffice.
 
In unserer Gemeinde nahmen wir zum Weihnachtfest 2022 die Idee von der Stallweihnacht auf der Wiese auf, die wir im Jahr zuvor wegen des Lockdowns absagen mussten.
 
 
Weihnachtsfest 2022 auf der Wiese unterhalb des Friedhofs
 
 
Und auch in verschiedenen Predigten tauchen die Erfahrungen aus der Corona-Zeit immer wieder auf:
 
 
 
 
Wie haben Sie diese Zeit der Corona-Pandemie erlebt?
Welche Erfahrungen aus dieser Zeit waren für Sie prägend?
Und was hilft ihnen, heute mit diesen Erfahrungen zu leben?