Ein Reden mit Gott.
Geht das einfach so?
Aber sicher. Beten ist ganz einfach. Wir müssen uns nur trauen mit Gott zu reden. Schließlich brauchen wir vor Gott keine Angst zu haben. Dies sagt zumindest Jesus. Er nannte Gott immer „Abba“. Dieses Wort lässt sich im Deutschen am besten mit „Papa“ übersetzen. Ein Wort voll von kindlichem Vertrauen.
Beten Kinder anders als Erwachsene?
Ja. Sie beten direkter, klarer, oft auch vertrauensvoller. So erzählte mir vor längerer Zeit ein Kind, dass ihm sein Kanarienvogel weggeflogen sei. Das Kind war traurig und betete jeden Abend zu Gott, dass er ihm seinen Vogel zurückbrächte. Nach drei Tagen saß der Kanarienvogel auf einmal auf dem Fensterbrett der Küche. Das Kind war aufgeregt, doch trotz seiner Aufregung gelang es ihm, den Kanarienvogel zurück ins Haus zu locken. Für das Kind war dies ein Zeichen, dass Gott sein Gebet erhört hatte.
Und wenn der Vogel nicht zurückgekommen wäre?
Dann wäre das Gebet trotzdem nicht umsonst gewesen. Denn solange wir Gott um etwas bitten, geben wir die Hoffnung nicht auf. Zu beten hält die Hoffnung in uns lebendig, dort, wo uns uns sonst vielleicht die Verzweiflung erdrücken würde. Auf diese Weise schenkt uns das Beten Zeit. Hoffnungszeit, in der wir uns unangenehmen Wahrheiten annähern können. Was wäre, wenn … und was wäre, wenn nicht? Auf diese Weise nähern wir uns im Gebet der Wahrheit langsam an, und nicht auf einen Schlag. Daher macht ein Gebet auch dann Sinn, wenn uns eine Bitte nicht erfüllt wird. Vielleicht sogar gerade dann.
Umgekehrt bereitet die Hoffnung, die uns durch das Beten geschenkt wird, dem einen oder anderem Wunder den Raum So ließ das Kind nur deshalb das Küchenfenster offen, weil es die Hoffnung hatte, dass der Kanarienvogel zu ihm zurückkehren könnte. Und es saß auch nur deshalb jede freie Minute vor dem Fenster, weil es die Hoffnung hatte, es könnte den Vogel, wenn er dort auftauchte, wieder zu sich in die Küche locken. Ohne diese Hoffnung wäre das Fenster verschlossen geblieben und niemand hätte den Vogel vor dem Fenster bemerkt.

Was ist Beten noch, außer Bitten?
Manchmal ist beten auch klagen, dann wieder danken. Manchmal ist es ein Stammeln, dann wieder ein sich Öffnen vor Gott. Wenn ich bete, vertraue ich mich Gott an. Mit all´ meinen Ängsten und Sorgen, wie auch mit all´ meinen Hoffnungen, Sehnsüchten und Träumen. Von daher hat für mich beten viel mit vertrauen zu tun.
Man könnte das Beten also auch eine „Schule des Vertrauens“ nennen?
Ja. Indem ich mich Gott anvertraue, übe ich mich ein, zu vertrauen. Dieses Verhalten kann ich später auch auf andere Bereiche meines Lebens übertragen. Wenn ich es schaffe, Gott zu vertrauen, dann kann ich es auch schaffen, einem Menschen zu vertrauen. Und wenn ich es schaffe, Gott etwas von dem zu sagen, was mir auf der Seele brennt, dann kann ich dies später auch einem Menschen erzählen. Schließlich kenne ich die Worte bereits.
So gesehen ist beten nicht nur eine Schule des Vertrauens, sondern auch eine Schule des Redens. Im Gebet finden wir Worte für das, was uns im Innersten bewegt, um uns darüber mit Gott – und später vielleicht auch mit Menschen – auszutauschen.
Aber ist das Reden mit Gott nicht zugleich immer auch „ganz anders“ als das Reden mit Menschen?
Ja und Nein. Auf der einen Seite ist es ein Reden wie jedes andere. Ich rede mit Gott nicht anders, als mit einem Menschen. Ich benutze die gleichen Worte, ich denke die gleichen Gedanken. Auf der anderen Seite ist das Reden mit Gott immer auch etwas anderes, weil wir im Gebet jemandem begegnen, der alles übersteigt, was wir kennen. Alle Erfahrungen, die wir gemacht haben, alle Worte, die uns zur Verfügung stehen, alle Beziehungsmuster, die wir aus unserem Leben her kennen. Aus diesem Grund wird aus dem Reden manchmal auch ein Stammeln.
Umgekehrt ist auch die Art, mit der Gott mit uns redet, eine völlig andere. Schließlich antwortet uns Gott nicht auf die Weise, in der uns ein Mensch antwortet. Stattdessen führt er uns in die Stille. Manchmal ertragen wir diese Stille nicht, weil in dieser Stille alle möglichen Gedanken in uns laut werden. Gedanken, die wir nicht hören wollen. Dann sind wir noch nicht bereit, auf Gott zu hören. Aber manchmal, wenn wir die Stille gefunden haben, wächst aus ihr eine Antwort, in der wir Gott selbst hören können. Dabei bringt Gott oft neue Worte in unser Leben. Worte wie Barmherzigkeit oder Versöhnung. Darum ist das Beten für mich nicht nur eine Schule des Vertrauens oder des Redens, sondern auch eine Schule für das Herz.
„Schule für das Herz“ - Was soll das heißen?
Für mich ist jedes Gebet mit Gott immer auch ein Eintauchen in Gottes Liebe. Es ist nicht nur ein Dialog, in dem ich Gott um etwas bitte, ihm meine Not klage oder ihm danke, und es ist auch mehr, als ihm nur zu erzählen, was mir gerade auf dem Herzen liegt, es ist auch nicht nur ein Hören auf seine Antwort, die manchmal nach und nach in mir heranwächst, oder die mir Tage später irgendwo in meinem Leben begegnet, nein, es ist mehr. Indem ich mit Gott rede und auf ihn höre, tauche ich in die Liebe Gottes ein. Diese Liebe färbt auf mich ab. Meine Trauer verwandelt sich in Zorn, mein Zorn verwandelt sich in Güte und meine Güte verwandelt sich in Handeln. So wird, wenn ich bete, alles möglich.
Gibt es Vorbilder für das Beten in der Bibel?
Ja, für mich ist Jesus ein solches Vorbild. Er suchte regelmäßig die Stille. Und er suchte in dieser Stille Gott.
Pfr. Paul Wassmer
