Andachten während des ersten Lockdowns

Sie finden hier Bibeltexte, Gebete und Gedanken zu den Sonn- und Feiertagen, die in der Zeit, an denen wegen des Corona-Virus kein Gottesdienst stattfinden konnte, in der Kirche aushingen und auf der Internetseite veröffentlicht wurden.

Sonntag Lätare; 22. März 2020

Nicht abgesagt: die Liebe
Nicht abgesagt: die Hoffnung
Nicht abgesagt: der Glaube
 
Um miteinander im Gespräch zu bleiben, reicht manchmal schon ein Telefon; um die Hoffnung aufrechtzuerhalten, das Bild einer blühenden Blume; und um mit Gott zu reden, braucht es nur uns selbst und das Vertrauen, dass er uns hört.
 
   
 
Barmherziger Gott
Sei du bei uns
in unseren Wohnungen und Häusern,
in unseren Hoffnungen und Plänen,
wie auch in unseren Ängsten.
 
Bewahre die Menschen, die im Augenblick krank sind
wie auch alle, die sich um sie kümmern.
 
Schenke uns deinen Geist
der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit,
der die Angst von uns nimmt.
Jetzt und alle Zeit. Amen.
 
 
"Alle eure Sorgen aber werft auf ihn,
denn er sorgt für euch."
(1. Petrus 5,7) 
 
Es ist im Moment eine eigenartige Zeit. Draußen scheint die Sonne und den meisten Menschen geht es gut. So spricht vieles dafür, sich am Leben zu freuen und fröhlich zu sein. Und doch hängt der Corona-Virus wie ein unsichtbares Damokles-Schwert über uns allen. So wächst die Unsicherheit und je näher der Ausbruch der Krankheit an uns heranrückt, umso mulmiger fühlt es sich an.
 
Was sollen wir tun?, fragen viele. Ruhig bleiben, lautet die eine Antwort. Auf die Hygiene achten und die direkten menschlichen Kontakte möglichst reduzieren, eine andere. Das alles ist richtig. Und das alles ist gut. Aber es reicht nicht aus, um das Loch zu füllen, das durch die Corona-Krise in unserer Seele aufgebrochen ist. Wir wollen ja stark sein, alles in der Hand halten, aber wir merken, dass wir nicht alles in der Hand halten können, dass es uns entgleitet. Und das macht Angst. Das bereitet Sorgen.
 
Was rät uns der Bibelvers in dieser Lage? Baut er auf Stärke und Macht? Nein. Er geht einen anderen Weg. Werft eure Sorgen auf Gott, sagt er. Haltet sie nicht ängstlich fest. Es reicht schon, wenn die Sorgen euch Angst machen. Darum lasst sie los. Und weil die losgelassen Sorgen oft gleich wieder zu uns zurückkommen, nehmt sie so wie sie sind, einzeln oder als dickes Bündel, groß oder klein und werft sie in einem hohen Bogen von euch weg. So weit, dass sie nicht mehr zu euch zurückkehren.

Das schafft Platz. Das schafft Luft zum Atmen. Das befreit einen aus der Opferrolle, in die einen die Sorgen immer wieder drängen. Das bringt einen wieder auf eine andere Spur. Nicht mehr ohnmächtig und schwach. Nicht mehr passiv und immer kleiner werdend. Sondern aktiv: ich werfe die Sorgen weg. Ich spüre dabei meine Kraft. Und: ich spüre dabei auch wieder mich selbst.

Aber wohin damit?
 
Alle eure Sorgen aber werft auf ihn, heißt es in den Worten aus der Bibel.

Auf ihn? Ja, auf ihn. Irgendein Ziel muss es ja geben. Die Sorgen einfach nur in die Hand zu nehmen und irgendwohin neu abzulegen, macht nur wenig Sinn. Das bringt zwar vielleicht ein wenig Ordnung in die Sorgen, löst aber das Grundproblem noch lange nicht. Nein, sie müssen weg, weg zu jemand anderen, der sie für einen trägt. Der nicht unter ihnen zusammen bricht. Der vielleicht ein wenig Abstand hat, so dass er sie genauer ansehen kann, anstatt die Augen vor ihnen zu verschließen. Der - wer weiß? - vielleicht sogar eine Ahnung hat, wie sich etwas lösen lässt. Einer, der sich damit auskennt, ein Experte also, auf seine Art.   

..., denn er sorgt für euch.
            
So heißt es weiter in dem Bibelwort.

Er sorgt für euch. Ist Gott also auch so ein „Sorgenjunkie" wie wir? Einer, der die Sorgen nicht loslassen kann? So wie wir Menschen? Oder ist er anders? Sorgt sich anders? Weil er - Gott - anders ist?

Ich weiß es nicht. Doch stelle ich mir Gott nicht so vor, wie einen Menschen. Auch nicht, dass er unter den Sorgen zusammenbricht. Oder dass er die Sorgen einfach so trägt, eine wie die andere. Nein. Ich denke, er sieht sie sich an. Jede einzelne. Und ich glaube, dass sie allein so schon leichter werden. Auch glaube ich, dass Gott uns für die Sorgen etwas zurückgibt. Er gibt uns Kraft zurück. Und Nähe. Er gibt uns Luft zum Atmen und einen Platz, um den Kopf über die Sorgen hinaus zu strecken.

Aber wer kann schon sagen, was Gott im Einzelnen tut? Aber ich glaube und vertraue darauf, dass sich etwas mit uns und unseren Sorgen ändert, wenn wir sie auf ihn werfen, und dann auf das hören, was an Antwort in unserer Seele wächst.
 
So wünsche ich Ihnen den Mut - mitten in der Zeit, in der wir uns wegen des Corona-Virus um so vieles sorgen - ihre Sorgen auf Gott zu werfen. Damit auch ihre Sorgen leichter werden - allein schon dadurch, dass jemand sie mit Ihnen teilt. Amen.
                           
Es segne euch und behüte euch der barmherzige Gott.
Er schenke euch Lieder, wenn ihr bedrückt seid.
Er schenke euch eine Stimme, wenn ihr verstummt.
Er schenke euch die richtigen Worte, wenn alles festgefahren scheint
und helfe euch, das, was die Not wendet, zu tun. Amen.
 
Pfr. Paul Wassmer

Sonntag Judika; 29. März 2020

Es ist besser,
ein Licht anzuzünden,
als die Dunkelheit zu verfluchen.
   
 

      
Barmherziger Gott
Steh uns bei mit deinem Licht.
Schenke uns Worte der Zuversicht
und Ideen, um die Not zu wenden.
 
Bewahre die Menschen, die im Augenblick krank sind
wie auch alle, die sich um sie kümmern.
 
Und sei auch bei denen,
die im Moment um ihre Existenz fürchten,
weil sie ihre Stelle zu verlieren drohen
oder ihr Geschäft geschlossen wurde.

Bewahre sie, bewahre uns.
Jetzt und alle Zeit. Amen.

„Als Jesus nach Kapernaum kam, da trat ein Hauptmann ihn heran und bat ihn um Hilfe. „Herr!" sagte er, „mein Knecht liegt gelähmt bei mir zu Hause und hat furchtbare Schmerzen!"
Da sprach Jesus zu ihm: „Ich will kommen und ihn gesund machen!"
Der Hauptmann aber antwortete und sprach: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund! Denn auch ich bin ein Mensch, der höheren Befehlen untersteht und kann umgekehrt meinen Soldaten Befehle erteilen; und wenn ich zu einem sage: „Geh!" dann geht er; und wenn ich zu einem anderen sage: „Komm!" dann kommt er; und wenn ich meinem Knecht befehle: „Tu das!" dann tut er es auch."
 Als Jesus das hörte, staunte er und sprach zu den Menschen, die ihm nachfolgten: „Wahrlich, ich sage euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel bisher noch nirgends gefunden ..." Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: „Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast." Und zur selben Stunde wurde sein Knecht gesund." (Matth. 8, 5-13a)
 
Manchmal kommt es gar nicht auf etwas Großes an. Manchmal reicht auch schon ein Wort, so wie in der Geschichte vom Hauptmann aus Kapernaum. Sie scheint geradezu perfekt in diese Corona - Zeiten zu passen, halten doch in dieser Geschichte alle zueinander den notwendigen Abstand.

So kamen die Jünger Jesu dem römischen Hauptmann bestimmt nicht zu nah, dazu stand er viel zu plötzlich vor ihnen. Und auch Jesus hält zu dem Knecht einen großen Abstand. Er geht nicht zu ihm ins Haus, sondern spricht auf die Bitte des Hauptmanns nur ein Wort. Das reicht. „Das muss reichen in Zeiten wie diesen ...", sagt der Hauptmann, „... wo keiner dem anderen traut." Und das Wunder geschieht. Der Knecht wird heil.

Wovon müsste Jesus mich heilen? Das fragte ich mich, als ich diese Geschichte las.

Als erstes fiel mir die Müdigkeit ein. Ich weiß ja nicht, wie es ihnen geht, aber ich fühle mich in diesen Zeiten manchmal unendlich müde. Müde bei den ganz normalen Dingen. Von den anderen möchte ich gar nicht sprechen.
 Woher kommt diese Müdigkeit? Warum bin ich viel erschöpfter, als sonst? Draußen ist doch alles ruhig, da müsste doch auch ich zur Ruhe kommen. Tue ich aber nicht. Vielleicht, weil mir noch immer der Wechsel schwer fällt. Der Wechsel von der alten Welt, in der immer etwas los war, hin zu der neuen Welt, die so eigenartig still ist ... einer Welt, in der viele Menschen zu Hause bleiben und in der, auch wenn man sich draußen trifft, es kein großes Hallo gibt, mit Umarmungen und fröhlichen Gesprächen, sondern man zueinander Abstand hält. Sicher, mein Kopf weiß, dass dies alles notwendig ist, um die Welle der Ansteckungen zu verlangsamen, aber mein Herz ist noch lange nicht bei dieser Erkenntnis angekommen. Es hinkt der Zeit hoffnungslos hinterher und weiß nicht, was es tun soll. Vielleicht ist ja dieser abrupte Weltenwechsel  der Grund, warum ich mich so müde fühle. Es ist also keine Frühjahrs-Müdigkeit, die mich gefangen hält, sondern eine Corona-Müdigkeit, die dort entsteht, wo man von einem Tag auf dem anderen aus seinem alten Leben vertrieben wurde und sich nun in einer völlig neuen Welt zurecht finden muss.

Von daher würde ich vielleicht als Erstes zu Jesus sagen: „Heile mich von dieser bleiernen Müdigkeit, die sich auf mein Leben gelegt hat. Ja, schenke mir Kraft, damit ich das Notwendige tun kann."

Damals als Jesus den Knecht des römischen Hauptmanns heilte, gab es keine ansteckende Krankheit. So war nicht die Furcht vor einer möglichen Ansteckung der Grund, warum der Hauptmann Jesus nicht in sein Haus einladen wollte. Eher lag es an der tiefsitzenden Feindschaft, die Römer und Israeliten damals trennte.  Rom, das war die verhasste Besatzungsmacht, mit der man möglichst wenig Kontakt hatte. Und wer sich von den Israeliten doch auf einen solchen Kontakt einließ, ja, wer vielleicht sogar das Haus eines Römers betrat, der war schnell gesellschaftlich außen vor. Das wollte der Hauptmann Jesus nicht antun. Darum seine Bitte.
 Das Erstaunliche an dieser Geschichte ist nun, dass Jesus die Bitte des Hauptmanns erfüllt. Dabei heilt das Wort Jesu nicht nur den Knecht, sondern baut auch eine Brücke über den Graben dieser Feindschaft.

In diese Richtung würde meine zweite Bitte an Jesus gehen, schließlich ist auch unsere Welt von alle möglichen Gräben zerrissen. Dabei zeigt sich unsere Welt angesichts der Corona-Krise durchaus auch anders: freundlicher, offener, mitfühlender.

Genau darum würde ich Jesus auch als Zweites bitten, schließlich können wir Menschen mit vielem fertig werden, solange wir nur zusammenhalten. Ein solcher Zusammenhalt ist im Moment auch an vielen Orten zu spüren. So halten die Menschen bei Spaziergängen oder im Supermarkt wie von selbst Abstand. Sie tun es freundlich, sie achten aufeinander, ja sie nehmen sich gegenseitig viel mehr wahr als früher. Das tut uns allen gut. Genauso wie es gut tut, dass die Menschen, auf die bisher kaum jemand achtete, plötzlich Anerkennung erhalten: Die Kassiererinnen und Kassierer im Supermarkt, genauso wie die Krankenschwestern und - pfleger, die Ärztinnen und Ärzte. Was früher alles selbstverständlich erschien, erscheint nun im neuen Licht. Diese Achtung und diesen Zusammenhalt zu erhalten, auch wenn die Krise noch weiter zunimmt, das wäre mein zweiter Wunsch.

Und der dritte? Schließlich gibt es in den Märchen und Geschichten immer drei Wünsche, die man frei hat. Was also wäre mein dritter Wunsch?

Vor allem eines: dass wir alle - hier vor Ort und überall auf der Welt - möglichst heil aus dieser Corona-Krise wieder herauskommen. Wobei dieses „heil" ganz unterschiedliche Bedeutungen haben kann. In der Ausgabe der Zeit vom letzten Donnerstag fand ich dazu Sätze eines Pfarrers aus der ehemaligen DDR, die mir nachgingen. Sie stammen von Gerhard Begrich, der mittlerweile in einem betreuten Wohnen lebt und der folgende Worte sagte:

„Wir vergessen, dass das Wichtigste nicht Glück und das Höchste nicht das Leben ist. Das Schlimmste ist auch nicht der Tod. Das Höchste ist die Liebe und das Schlimmste ist die Einsamkeit."

Die Worte reiben sich mit meinen Wünschen und Ängsten. Und zugleich helfen sie mir, mich nicht zu einseitig nur auf das rein Materielle zu konzentrieren. Denn es gibt ein Glück auch mitten im Unglück und Heil auch mitten im Unheil. Von daher wünsche ich Ihnen in diesen Corona-Zeiten, dass sie vor lauter Sorgen oder Ängsten nicht die Liebe vergessen und dass Gott - als kleinen Vorschein auf das große Heil, auf das wir alle warten - sie schon hier und jetzt vor der Einsamkeit bewahre, so dass sie immer jemand an ihrer Seite haben - nah oder fern - der es gut mit ihnen meint. Amen.
       

Der Herr schenke euch Kraft gegen die Müdigkeit.
Er stärke euren Zusammenhalt und eure Achtung voreinander
und er helfe euch, heil durch diese Krise zu kommen.
So segne und behüte euch der barmherzige Gott,
der Vater, der Sohn und der Heiliger Geist. Amen.
                                                                                                               
Pfr. Paul Wassmer

Palmsonntag; 5. April 2020

Wache Du, Herr, mit denen,
die wachen oder weinen in dieser Nacht.
Hüte Deine Kranken.
Lass Deine Müden ruhen.
Segne Deine Sterbenden.
Tröste Deine Leidenden.
Erbarme Dich Deiner Betrübten,
und sei mit Deinen Fröhlichen und mit uns allen
                              um Deiner unendlichen Liebe willen. Amen                         
(Augustinus)
 
 
Stein-und Blumengarten an der Johanneskirche Maulburg
(gestaltet von Petra Renk)

Zwischen den Steinen im neu angelegten Stein-und Blumengarten direkt vor der Johanneskirche in Maulburg beginnt es zu blühen. Manches, was jetzt noch steinig aussieht, wird bald von Blütenkissen überwuchert sein. In vielen Farben und zu jeder Jahreszeit anders.

Die Worte GLAUBE, HOFFNUNG und LIEBE  sind dort auf getöpferten, farbigen Tonscheiben zu sehen. Hoffnungsworte, an denen wir uns in der Krise festhalten können. Hoffnungsworte, die der Apostel Paulus direkt in die Krise hineinzusprechen scheint:

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen ..." (1. Korinther 13, 12-13)
 
Beim Lesen dieser Zeilen kommt es mir so vor, als stecke Paulus mit uns in der Krise. Denn auch wir sehen im Moment oft nur „ein dunkles Bild". Wir sind unsicher, weil unter den Erschütterungen der Krise fast alles wankt und wackelt, was uns so sicher vorkam. Wir erkennen nur „stückweise" als steckten wir in einer Nebelwand. Wir tasten uns jeden Tag neu voran. Wir versuchen miteinander in Kontakt zu bleiben. Wir lernen schmerzhaft, dass wir manche der uns liebsten Menschen nicht im Krankenhaus besuchen oder sie in den Arm nehmen dürfen. Wir erkennen nur „stückweise" und würden so gerne „klar" sehen.
 
Doch Paulus lässt uns nicht alleine im Nebel stehen. Er gibt uns etwas in die Hand, was bleibt und woran wir uns in der Krise orientieren können. Im Stein-und Blumengarten steht das, was bleibt, auf den drei Steintürmen, fast so, als wären sie Leuchttürme im Nebel.

GLAUBE und HOFFNUNG und LIEBE  bleiben uns.

GLAUBE bleibt:
Der Glaube daran, dass auch jetzt und gerade jetzt Gott uns nicht alleine lässt. Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche. In dieser Woche erinnern wir uns ganz besonders daran, dass Gott in Jesus Christus an unserer Seite ist. Auch an der Seite der Kranken und der Isolierten. Christus geht in dieser Woche selbst durch Leiden und Tod durch und bleibt doch lebendig an unserer Seite.
Es wird mitten in der Krise Ostern werden und wir werden miteinander verbunden Ostern feiern.  Selbst dann, wenn wir dazu in unseren einzelnen  Häusern sitzen müssen, werden wir miteinander verbunden sein. Denn an Ostern feiern wir den Glauben, dass Gott für uns durch den Tod geht und mit uns aufersteht.  

HOFFNUNG bleibt.
Hoffnung bewahrt sich einen anderen Blickwinkel, mit dem wir über das hinausschauen können, was uns jetzt in Angst und Schrecken versetzt. Hoffnung hat die Gabe, das zu sehen, was im Moment nicht ist oder was noch nicht wieder ist.
Ich mache im Moment jeden Morgen einen sehr frühen Morgenspaziergang. Dabei  sammle ich Sonnenaufgänge. Jeder einzelne Sonnenaufgang ist für mich wie ein einzelner Ostermorgen. Und jeder einzelne Sonnenaufgang ist für mich ein Zeichen der Hoffnung, dass uns ein neuer Tag geschenkt ist, an dem neues Licht ins Dunkel kommt.

LIEBE bleibt.
„Die Liebe ist die größte unter ihnen"
Die Tonscheibe, auf der das Wort LIEBE zu lesen ist, ruht auf dem höchsten der drei Steinsockel. Auch wenn Glaube, Hoffnung und Liebe natürlich ganz eng miteinander verbunden sind. Die LIEBE bleibt. Das spüre ich gerade in der Krise ganz deutlich. Obwohl wir in diesen seltsamen Tagen ausgerechnet „aus Liebe" Abstand halten müssen, halten die Menschen zusammen. Sie telefonieren und kommunizieren öfter als sonst mit denen, die sie lieben. Auch Unbekannte grüßen sich freundlich und achten aufeinander. In den Intensivstationen und den Rettungswägen, an den Supermarktkassen und an vielen Stellen im Hintergrund spielen Liebe und Verantwortung für die anderen eine große Rolle. Vertrauen wir bei jedem der  kleinen und großen Liebesbeweise auf Gott, denn „Gott ist die Liebe; Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm." (1. Johannes,4,16)

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich in der Krise an GLAUBE, HOFFNUNG und LIEBE festhalten können.
Der Stein - und Blumengarten liegt unübersehbar direkt an der Johanneskirche und gegenüber vom Schaukasten unserer Gemeinde. Wenn Sie in diesen Tagen Zeit zum Spazierengehen haben, dann spazieren Sie vorbei.

Gott begleite uns durch diese Tage und Nächte
in denen wir nur von Tag zu Tag sehen können.
Gott schenke uns Glaube, Hoffnung und Liebe
unsere Zeit miteinander zu bestehen.
Gott bleibe in Jesus Christus an unserer Seite
und schenke uns Frieden und Zukunft. Amen
 
Pfarrerin Bärbel Wassmer

(Der Blumen- und Steingarten wird in einem Gottesdienst feierlich eingeweiht werden, sobald wir wieder gemeinsam Gottesdienst feiern können. Der Termin wird noch bekanntgegeben.)

Gründonnerstag; 9. April 2020

Nimm alles von mir, was mich fernhält von dir.
Gib alles mir, was mich hinführt du dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir,
und gib mich ganz zu eigen dir.

Klaus von der Flüe, 15 Jhd. Schweiz
 
 
Eine leere Bank aus Holz. Ein paar Blätter sind auf ihr zu sehen. Auch scheint die Sonne auf die Bank. Trotzdem ist die Bank leer. Kein alter Mann sitzt auf ihr und liest die Zeitung. Keine Kinder turnen auf ihrer Lehne herum. Kein junges Pärchen sitzt dort engumschlungen und küsst sich. Bis auf die wenigen Blättern, die mehr oder weniger zufällig auf ihr verteilt sind, ist die Bank leer.
 
So leer kommt mir im Moment manchmal auch mein Leben vor. Es fehlen die Menschen. Die vielen kleinen Gespräche über den Tag. Die selbstverständlichen Berührungen. Das gemeinsame Essen. Ich weiß, die momentane Zurückgezogenheit ist notwendig. Ja, gerade jetzt ist es besonders wichtig, nicht müde zu werden, sondern die Anstrengungen weiter hoch zu halten, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Trotzdem sehnt sich mein Geist nach anderen Menschen. Mit dieser Sehnsucht lese ich die Worte vom letzten Mahl Jesu aus der Bibel. Dabei fallen mir die vielen Menschen auf, die in dieser Geschichte vorkommen. Da werden zwei Jünger zur Stadt geschickt, um einen Raum anzumieten. Indem sie einem Wasserträger folgen, finden sie schließlich einen passenden Saal. In aller Ruhe bereiten sie dort die gemeinsame Feier vor. Erst dann kommen die anderen und das Fest beginnt. Aber kaum geht es los, wird die Stimmung trüb. Jesus sagt: „Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten." (Mk. 14,18). Da werden die Jünger traurig, so heißt es in der Bibel, denn jeder von ihnen fragte sich insgeheim: Bin ich´s? Trotzdem feiern sie weiter. Sie aßen und tranken. Dabei nahm Jesus das Brot, dankte und sprach: „Nehmet, das ist mein Leib." (Mk. 14,22). Und er nahm den Kelch, dankte, gab ihnen den und sprach: „Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird." (Mk. 14,24).

Es sind die bekannten Worte aus der Abendmahlsliturgie, die hier erklingen. Diese Worte stiften Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft zwischen Menschen, die an sich zweifeln, so wie damals die Freunde Jesu an sich zweifelten. Eine Gemeinschaft zwischen jung und alt, so wie in der Zeit der ersten Christinnen und Christen, als viele Menschen das Abendmahl bei sich zu Hause feierten. Eine Gemeinschaft zwischen arm und reich, so wie in der ersten Gemeinde in Korinth, in der sich Sklaven und Herren beim Abendmahl das Brot und die Hände reichten.

Wir können heute wegen der Corona-Krise nicht miteinander Brot und Wein teilen. Auch können wir einander nicht die Hände reichen, aber wir können uns an die Geschichte von damals erinnern und so ihre Worte in uns lebendig halten. Und dabei von dem Brot der Einsicht essen, dass wir trotz aller Trennung auch heute nicht alleine sind, weil in, mit und unter uns jemand da ist, der unser Leben mit uns teilt. Und wir können von dem Wein des Vertrauens trinken. Dem Vertrauen darauf, dass der, der da mit uns geht, uns auch in diesen Corona-Zeiten nicht alleine lässt.
 
Von diesem Vertrauen war auch Dietrich Bonhoeffer erfüllt, dessen Todestag sich in diesem Jahr am Gründonnerstag zum fünfundsiebzigsten Mal jährt. Er schrieb, im Gefängnis sitzend und zerrissen von Ängsten und Zweifeln, folgende Worte:
 
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
                                    
Seine Worte, die später vertont wurden und die am Gründonnerstag oft gesungen werden, sollen auch uns heute begleiten. Mögen sie uns in diesen Tagen Kraft und Mut schenken und unser Vertrauen stärken, in den Kämpfen, die wir im Augenblick führen.

                           Gott segne uns mit Vertrauen und mit Zuversicht.
                           Er stelle uns seine Engel zur Seite
                           zwei zur Rechten, und zwei zur Linken um uns zu behüten.
                           Einen unter uns, um uns zu tragen,
                           und einen über uns, um uns zu schirmen.
                           Einen hinter uns, damit uns nichts überrasche
                           und einen vor uns, um uns den Weg zu bahnen.
                           So segne uns und behüte uns
                           der gute Gott. Jetzt und in Ewigkeit. Amen.
 
Pfr. Paul Wassmer
 

Karfreitag; 10. April 2020

„Seht welch ein Mensch!" (Joh. 19,5)
 
      


Seht, welch ein Mensch!
Über dich, Christus, hat man das gesagt.
Als du da gestanden bist.
Zum Tode verurteilt.
Mit Dornenkrone auf dem Kopf.
Wehrlos. Verspottet. Geschlagen.

Seht, welch ein Mensch!
Manchmal, da wünschte ich,
du wärest mächtiger.
Allmächtig gegen das Virus, gegen die Kriege,
gegen den Egoismus.
So bist du nicht.
Du stellst dich nicht über uns.
Du stehst neben uns.
 
Seht, welch ein Mensch!
Ich sehe dich. Und fühl mich nah.
Ich weiß nicht, wie das kommt.
Mehr Gefühl als Gedanke.
Eine Rührung, die tröstet.
Und stärkt. Und in Bewegung bringt.
Die verbinden kann – trotz Abstandsregeln.

Seht, welch ein Mensch!
Seht, welch ein Gott!
Du bist uns nah, du Mensch, du Gott.
Du bist bei jedem Menschenkind.
Auf den Intensivstationen, in Italien, in Spanien, bei uns.
In einsamen Wohnungen.
Auf der Straße bei Menschen ohne Hoffnung.
Bei allen, die in Angst sind und in Sorge.
Bring ihnen die Liebe mit.
Und Menschen, die sie stärken:
Die die Kranken pflegen.
Die uns mit Lebensmitteln versorgen.
Die nach Medikamenten forschen.
Die uns regieren und Lösungen suchen.
Die Zuversicht verbreiten.
Und so viele andere, die sich einsetzen.
Erschöpft und doch voller Kraft.
        
Seht welche Menschen!
Bleib du bei ihnen.
Bleib du bei uns, du Mensch, du Gott.
Berühre und bewege uns.
Damit wir mutig durch diese Zeit kommen.

(Doris Joachim, nach Johannesevangelium 19,5)

 
Schon oft habe ich bei „Sieben Wochen ohne" mitgemacht. Die Gebete, Gedanken und Bilder der diesjährigen Aktion „Sieben Wochen mit Zuversicht" sind dabei für mich in den diesjährige Krisenwochen immer wichtiger geworden.

Jeden Tag habe ich mein Kalenderblatt umgeblättert und mit den zuversichtlichen Worten gelebt, die mir für diesen Tag gesagt waren. Jede Woche habe ich mich mit dem Wochenmotto und dem Bibeltext beschäftigt, die von Aschermittwoch an jeder Woche zugeordnet waren.

Die Karwoche steht seit Karmittwoch unter dem biblischen Motto: „Denn wir sind gerettet, auf Hoffnung hin" (Römer 8,24). Dazu gehören die Sätze, die Paulus im 8. Kapitel des Römerbriefs schreibt: „Denn wir sind gerettet, auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will. Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind." (Römer 8, 24-28)

Mit diesen Worten sehe ich aufs Kreuz am Karfreitag 2020. Ich sehe auf den Menschen am Kreuz, der Qualen leidet, mit Gedanken wie Doris Joachim in ihrer Meditation zu den Worten „Seht, welch ein Mensch" aus Joh. 19,5.

Ich sehe auf Menschen in aller Welt, die im Moment Qualen leiden. Ich sehe auf Menschen, die um Luft ringen, mit und ohne Beatmungsgerät. Ich sehe auf diejenigen, die verzweifelt sind, weil sie nicht mehr weiter wissen. Ich sehe auf diejenigen, die in den Krisengebieten unserer Welt neben Krieg und Armut kaum eine Chance haben, nun auch noch den Kampf gegen das Virus zu bestehen.

Ich sehe auf Gott, denn Gott ist mit dem Menschen Christus an diesem Kreuz und ganz nahe bei denen, die Qualen leiden. Ich ahne: Paulus weiß ganz genau, warum er so eindringlich schreibt, dass das, was wir mit unseren Augen sehen, nicht das ist, auf was wir hoffen. Denn: „wie kann man auf das hoffen, was man sieht?"

An diesem Karfreitag halte ich mich fest an der Hoffnung, die an einen Weg aus der Krise glaubt, auch wenn wir ihn noch nicht sehen können. Und ich bitte Gott: möge er uns die Geduld schenken, von der Paulus spricht, wenn er schreibt: „ so warten wir darauf in Geduld". Und wenn uns die Worte ausgehen und wenn wir nicht mehr wissen, wie wir beten sollen, möge er uns seinen Geist senden, der für uns betet „mit unaussprechlichem Seufzen".

 
Gott segne uns,
mit Hoffnung, die mehr sieht als das Leid am Kreuz
mit Geduld, warten zu können, bis sich ein neuer Weg auftut
und mit dem Heiligen Geist, der für uns betet,
wenn wir nur noch seufzen können.
So bewahre die Liebe Gottes, die höher ist als alle Vernunft,
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
Pfarrerin Bärbel Wassmer
 

Ostersonntag; 12. April 2020

Christ ist erstanden
von der Marter alle;
des soll´n wir alle froh sein,
Christ will unser Trost sein.
Kyrieeleis.

Wär´ er nicht erstanden,
so wär´ die Welt vergangen;
seit dass er erstanden ist,
so lob´n wir den Vater Jesu Christ.
Kyrieeleis.

Halleluja, Halleluja,
Halleluja.
Des soll´n wir alle froh sein,
Christ will unser Trost sein.
Kyrieeleis.
 
 
Als der Sabbat aber vorüber war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um Jesus damit einzusalben. Danach machten sie sich auf den Weg zum Grab. Dies war aber am ersten Tag der Woche, früh am Morgen, als die Sonne aufging. Auf dem Weg sprachen die drei Frauen untereinander: „Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes rollen?" Als sie aber näherkamen, bemerkten sie, dass der große Stein bereits vom Eingang weg gewälzt war. So gingen sie in das Gab hinein. Im Grab sahen sie auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der trug ein langes, weißes Gewand. Da erschraken sie. Der junge Mann aber sprach zu ihnen: „Habt keine Angst. Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Aber er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Seht, hier ist die Stelle, an der er gelegen hat. So geht und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er euch nach Galiläa vorausgegangen ist. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat." Da flohen die drei Frauen aus dem Grab, zitternd vor Angst. Und sie erzählten niemanden etwas davon, denn der Schrecken hatte ihnen die Sprache genommen. (Mk. 16, 1-8)
                            
Die Ostergeschichte beginnt ganz anders, als man es vermuten könnte. Da erklingen keine Halleluja-Gesänge, da gibt es keine freudigen Umarmungen, dafür aber dringen laute Angstschreie durch die Dunkelheit.
 Zumindest waren die drei Frauen nicht allein, denkt man vielleicht in den heutigen Corona-Zeiten.
 Sie waren nicht allein auf ihrem Weg, als sie ihre Zweifel miteinander teilten, ob das, was sie da vorhatten, auch einen Sinn hatte. Denn, so fragten sie sich, was wäre, wenn sie es auch zu dritt nicht schaffen würden, den schweren Stein vom Grab wegzurollen? Wäre dann nicht alles umsonst und sie müssten ohne etwas tun zu können wieder umkehren?
 Sie waren auch nicht allein, als sie vor der dunklen Höhle standen und sich fragten, sollen wir wirklich in das Grab hineingehen? Dorthin, wo alles dunkel ist und der Tod auf uns wartet?
 Und sie waren nicht allein, als sie in der Höhle einen jungen Mann trafen und über dessen Erscheinen so erschraken, dass sie entsetzt aufschrieen. Ja, zum Glück waren sie nicht allein, kann man von unseren heutigen Erfahrungen her sagen, denn nicht allein zu sein ist in sich schon ein großer Trost. Ein kleines Ostern, das auch wir uns in diesen Corona-Zeiten gegenseitig schenken können, indem wir füreinander da sind, egal ob wir direkt vor Ort sind oder weit voneinander entfernt.
 Was den drei Frauen dann geschah, widersprach allem, was sie bis dahin glaubten. Jesus sei auferstanden, sagt ihnen der Mann, der mit seinem langen, weißen Gewand im Grab sitzt. Ja, sie würden Jesus wiedersehen, in Galiläa, ihrer alten Heimat.
  Nein. das konnte nicht sein, denken sie. Was tot ist, ist tot. Da kann man nichts machen. Egal, was der seltsame junge Mann auch sagt. Das kann nicht sein.
 Und doch: der Stachel des Zweifels ist gesetzt. Der Stachel gegen den Tod. Könnte es nicht doch sein, dass ... ja, wäre es nicht möglich, dass ... Auch so beginnt Ostern: dass das Gesetz des Todes nicht mehr gilt und wir uns fragen, was wäre wenn ... und so der Samen der Hoffnung in uns aufgeht, der durch die Oster-Geschichte gelegt ist. Aber dieser Samen geht nicht gleich auf und auch nicht auf einmal, sondern nach und nach. Manches braucht eben seine Zeit. Das gilt auch für Ostern.
 Von Maria Magdalena wird im Johannevangelium erzählt, dass sie noch länger am Grab geblieben ist. Sie konnte noch nicht weggehen. Sie brauchte noch die Nähe zum Grab, auch wenn es jetzt leer war und ihr damit das Letzte, das sie noch mit Jesus verband, genommen war. Da sieht sie einen Mann. Sie denkt, es ist der Gärtner und spricht ihn an: „Weißt du, wohin sie ihn gebracht haben?", fragt sie. Da dreht sich der Mann um und im gleichen Moment ist es um sie geschehen. Ihre Angst verwandelt sich in Freude und der Keim der Hoffnung, der zuvor in ihr auf unfruchtbaren Boden gefallen ist, geht nun plötzlich auf und fängt an zu blühen. Denn wer da vor ihr steht ist Jesus. Er lebt. Er ist tatsächlich auferstanden. Sie will ihn umarmen, ihn festhalten und nie mehr loslassen. Aber er wehrt sie ab. Sie versteht es nicht. Sie will es auch nicht verstehen. Aber auch das ist Ostern: dass auch in aller Freude, in allem Jubeln, ein Festhalten nicht möglich ist. So bleibt für Maria nur der eine Moment. Aber es ist ein Moment, der ihr Leben verändert. Denn als sie vom Grab nach Hause geht, hüpfen ihre Beine wie von selbst. Und als sie zu ihren Freunden spricht, ist keine Angst mehr in ihrer Stimme zu hören, sondern sie sagt voller Freude: „Ich habe ihn gesehen."

Etwas von dieser Freude der Maria Magdalena wünsche ich auch Ihnen zu Ostern in diesen Corona-Zeiten:

Der Freude von Ostern, die durch das Auf und Ab der Ängste hindurch geht; der Freude von Ostern, die sich an den besonderen Momenten des Lebens festhält, auch wenn wir das Leben selbst nicht festhalten können; der Freude von Ostern, die trotz aller dunklen Momente im Leben hofft und glaubt, weil sie darauf vertraut, dass am Ende nicht der Tod den Sieg davontragen wird, sondern das Leben.

Etwas von dieser Freude von Ostern wünsche ich Ihnen, jetzt und in der kommenden Zeit. Amen.

        
Der Gott des Lebens
schenke euch besondere Momente,
für die es sich zu leben lohnt
und an denen wir in uns festhalten können,
auch wenn das Leben selbst anders weitergeht.

Jesus Christus, Gottes Sohn
schenke euch Mut,
euch dem Dunklen zu stellen.
Und er schenke euch Licht,
um das Dunkel zu besiegen.

Und der Heilige Geist,
verbinde euch mit den Menschen und mit Gott,
und mit dem Leben, das in Gott wohnt.
Jetzt und allezeit.
Bis in Ewigkeit. Amen.
 

Pfr. Paul Wassmer
 
(Am Ostersonntag rufen wir zu einem ökumenischen Musik-Flash-Mob mit dem Lied "Christ ist erstanden" auf (Evang. Gesanbuch Nr. 99). Alle Maulburgerinnen und Maulburger sind am Ostersonntag eingeladen, nach dem Läuten der Glocken um 10.00 Uhr vor ihr Haus zu treten und das Lied mit Flöte oder Klavier, Saxophon oder Dudelsack, Gitarre oder Posaune erklingen zu lassen. Notensätze für die unterschiedlichen Instrumente können Sie über das evang. Pfarramt erhalten.
 
Auch stehen am Ostersonntag von 10.00 Uhr - 16.00 Uhr vor der Kirche kleine Kerzen zu Ostern für Sie zum Mitnehmen bereit. Wenn Sie diese Kerze bei sich zu Hause am Osterabend entzünden, können Sie an diesem Ostersonntag nicht nur am Morgen, sondern auch am Abend ein Zeichen der Hoffnung und des Miteinanders setzen.)

Sonntag Quasimodogeniti; 19. April 2020

Mal Gottes Regenbogen an den dunklen Himmel.
Schreib Gottes Handschrift in das Grau der Welt.
Lass andre Zeichen sehen, dass sie es neu verstehen
wie Gottes Liebe um uns ist und trägt und hält.
(Neues Liederbuch Nr. 68)
 
 
Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber immer wenn ich einen Regenbogen sehe, berührt er meine Seele. Er zählt zu den schönsten Naturereignissen und ist überall auf der Erde zu sehen.
Der Regenbogen entsteht, wenn zwei Dinge zugleich auftreten. Sonne und Regen. Aus einfachen Elementen wie Wasser, Licht und Luft entsteht ein wunderbares Farbenspektrum. Trotzdem sehe ich mehr. Ich sehe den Regenbogen als ein Symbol der Hoffnung und des Trostes.

Gott spricht: Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken;
der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.
(1. Mose 9,13)

Gott hat seinen farbenprächtigen Bogen in den Himmel gesetzt als positives Zeichen für seine Fürsorge; und als Zusicherung an uns, dass er es gut mit uns meint. Auf traurige Regentage folgen fröhliche Sonnentage und nicht selten liegt in einem traurigen Tag bereits der sonnige Kern des nächsten schönen Tages mit seiner ganzen bunten Farbenpracht.

Und doch ist es so, dass ich manches im Leben nicht greifen, begreifen oder mit Worten einfangen kann. Gerade in Zeiten wie diesen. Wir alle befinden uns in einer Situation, die einiges von uns abverlangt. In den Medien sehen, hören und lesen wir täglich neue Schlagzeilen und manchmal weiß ich nicht mehr, was ich glauben soll und wie ich mich richtig verhalte. Ich stelle mir viele Fragen und zahllose Gedanken beschäftigen mich. Wo geht es hin? Wie wird es werden? Doch eines ist gewiss:  
 
Unser Vater im Himmel lässt uns nicht alleine.
 
Er hat uns den Regenbogen als Zeichen seiner Verbundenheit geschickt.
 
Auch einen Regenbogen kann man nicht greifen und doch ist er da. Die Farbreihen folge ist immer dieselbe:
 
  
 
Rot ist die Farbe der Liebe, der Lebenskraft und der Aktivität.
Gott gibt uns Kraft, die Resignation zu überwinden. Und er schenkt uns seine
grenzenlose  Liebe, damit wir diese Liebe in unserem Alltag weiter-
schenken – ohne Berechnung.
 
    
Orange steht für Warmherzigkeit, für Offenheit und Lebendigkeit.
Auch wenn wir im Leben nicht immer von der Trauer bewahrt bleiben,
hält Gottes Wort die Hoffnung in uns wach, dass die Freude die Tränen vertreiben.
 
    
Gelb ist die Farbe der Sonne, sie steht für Glanz, Licht und Helligkeit.
Gottes Wort verheißt uns nicht, dass unser Leben immer licht und hell ist.
Aber es verheißt uns, dass selbst ein kleines Licht die Dunkelheit durchdringen kann,
wenn Angst, Not und Verzweiflung überhand nehmen
 
    
Grün gilt als Farbe der Hoffnung, der Harmonie und der Ruhe.
Auch wenn das Leben nicht immer blüht, verheißt uns Gottes Wort,
dass auch durch den Tod hindurch neues Leben entsteht.
 
 
Blau ist die Farbe der Treue, der Reinheit und der Sehnsucht.
Gottes Wort verspricht uns nicht das Blaue vom Himmel herunter.
Aber es verheißt uns, dass schon jetzt ein Stück des Himmels auf der Erde
zu sehen ist. Denn Gott ist treu und geht alle Wege mit uns mit,
egal wo wir gerade stehen.
 
    
Dunkelblau wird der Weisheit zugeordnet und steht für Heil und Heilung.
Gottes Wort verheißt uns, dass auch mitten in Krankheit und Not Gott
mit seinem Heil auf uns wartet.
 
  
Violett ist die Farbe der Versöhnung und der Zärtlichkeit.
Im Leben werden wir immer wieder verletzt. Gottes Wort schenkt uns Hoffnung,
dass Trauer und Schmerz, vom Ende her gesehen, nicht das Letzte sind.
 
Wenn Sie das nächste Mal einen Regenbogen sehen, halten Sie ein wenig inne, schließen sie die Farben ins Herz und lassen sie den Regenbogen Gottes über ihrem Leben leuchten.

Dann ist Vertrauen tiefer als die Angst; die Hoffnung größer als die Resignation,
die Vergebung stärker als die Verletzung und die Liebe lässt das Eis der Bitterkeit schmelzen.
 
 
Gottes Segen spanne sich wie ein Regenbogen über euer Leben
und erfülle euch Tag für Tag mit Zuversicht.
Gottes Sonne möge in die Tränen eures Herzens scheinen
und euer Leben mit den Farben des Regenbogens erfüllen.
Gottes Kraft leuchte bis in euer Fühlen hinein
und helfe euch heil durch die Krise zu kommen.
So segne und behüte euch der barmherzige Gott,
der Vater, der Sohn und der Heiliger Geist. Amen.


                                                             Präd. Petra Renk
 

Sonntag Misericordias Domini; 26. April 2020

Eine Fußspurenwanderung
in den Spuren der Güte Gottes;
in den Spuren des guten Hirten / der guten Hirtin.
 
 
Fußspuren

begegnen mir oft beim Wandern auf kleinen Wegen. Ich freue mich
über solche Spuren, denn dann weiß ich: Hier waren schon
andere vor mir unterwegs! Also kann auch ich auf diesem Weg
zum Ziel kommen.

Fußspuren

sind mir eine Hilfe in unübersichtlichem Gelände, wenn  Hinweisschilder fehlen.
Auch in den jetzigen Corona-Zeiten ist vieles unübersichtlich. 
Es gibt zwar Hinweisschilder und Regelungen ohne Ende –  aber niemand weiß,
auf welchem Weg wir letztendlich am Besten zum Ziel kommen.

Fußspuren

haben uns diejenigen hinterlassen, die vor uns einen Weg gesucht haben, ihren Glauben zu
leben, ihre Mitmenschen und Gott zu lieben und die Hoffnung nicht zu verlieren.

Fußspuren

hat auch Jesus hinterlassen. Es heißt im ersten Petrusbrief, dass Jesus dabei
auch Leid auf sich genommen hat, um für andere da zu sein. Diesen Spuren
Jesu zu folgen, ermuntert uns der Brief. Ich lese dort: „Christus hat für euch
gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt." (1. Petrus 2,21)

Fußspuren

Gottes sind die oft unsichtbaren Spuren, in denen Gott als guter Hirte / gute
Hirtin für uns da ist, auch ohne dass wir etwas davon sehen. Gott schenkt uns ein
Licht, wo alles dunkel ist. Gott trägt uns dort, wo wir aus eigener Kraft nicht mehr
weiter kommen. Gott freut sich mit uns, wenn wir fröhlich hüpfen und singen.

Fußspuren

werden auch wir für andere hinterlassen, wenn wir unsere Wege gehen.
Dabei werden vor allem die Spuren bleiben, in denen wir etwas von der Liebe,
die Gott uns schenkt, an andere weitergeben.

Psalm 23 - in einer modernen Übertragung

Gott, du sorgst dich um mich
wie eine gute Hirtin, ein guter Hirte.
Du führst mich an Orte, an denen das Leben blüht,
zu neuen Quellen, aus denen ich schöpfen kann.
In deiner Nähe wächst Lebensmut und Lebensfreude.
Du führst mich aus den Sackgassen,
in denen ich mich mit meinem Leben gefangen habe,
auf neue Wege.
Auch, wenn ich mich im dunklen Tal der Angst
zu verlieren drohe,
weiß ich mich doch nie ganz verloren,
weil du bei mir bist,
an meiner Seite
und mir beistehst.
Du trägst mich durch die dunklen Täler des Lebens hindurch,
und schenkst meiner Seele Flügel.
Auch wenn ich mich
von lauter Feinden umgeben fühle,
gibst du nicht auf.
Du bereitest vor mir einen Tisch, an dem alle Platz haben.
Du hilfst uns, aufeinander zuzugehen
und eröffnest neue Perspektiven.
Gutes und Barmherzigkeit
kommen durch dich in unser Leben,
und auf deine Gnade kann ich bauen mein Leben lang.
   
   
Gott bewahre und behüte euch als guter Hirte, gute Hirtin.
Gott lasse Güte unter euch scheinen wie ein warmes Licht,
damit die Dunkelheit euch nicht umfängt.
Gott schenke euch Vertrauen, damit ihr eure Wege ohne Angst gehen könnt
und öffne euch eine Zukunft, die weiter reicht als eure Hoffnungen.
So segne euch der lebendige Gott, der unseren Füßen immer einen
Schritt voraus ist. Amen
 
Pfarrerin Bärbel Wassmer

Sonntag Jubilate; 3. Mai 2020

Ich glaube, man kann sich in jedem Alter ändern,
aber es ist viel besser, es jetzt zu tun.
(Rita Mae Brown)
 
 
        
 
„Seid klug, wie die Schlangen,
und ohne Falsch, wie die Tauben." (Matth. 10,16)

„Bald ...", sagt sie. „... wird alles wieder normal!" Dabei streicht sie sich mit der Hand durch ihr Haar, wie man das eben so macht in diesen Zeiten, in denen man so viel Zeit hat wie kaum zuvor.
„Was ist schon normal?", erwidere ich.
„Weiß nicht ...", sagt sie. „Aber die letzten Wochen waren es nicht. Immer nur zu Hause herumsitzen ... keine Schule ... Homeoffice ... so langsam reicht es. Die Leute wollen wieder raus, sie wollen einkaufen gehen und Spaß haben."
„Aber was ...", werfe ich ein, „... wenn die Leute nichts aus der Krise gelernt haben? Und nur einer, ein einziger, ist an Corona erkrankt und weiß es nicht?"
„Na und?" Sie fährt sich durch ihr Haar, als hätte sie es gerade eben nicht schon einmal gemacht. „Damit werden wir schon fertig. Schließlich hat es bisher auch ganz gut geklappt."
 Ich wiege meinen Kopf hin und her. „... ja, nur hat vor der Krise ein Erkrankter innerhalb der ersten vier Tage zwei andere angesteckt. Das heißt, nach vier Tagen waren es schon zwei ... und nach acht Tagen vier."
„Sag´ ich doch ...", meint sie. „... damit werden wir fertig."
„Was aber, wenn man weiterdenkt?", mischt sich plötzlich die Dritte ein. „Was wäre ...", sie überlegt, „... nach einem Monat?"
„Das können nicht so viel sein", meint die Zweite. Aber sie sieht mich dabei mit einem ganz seltsamen Blick an, voller Hoffnung und Zweifel zugleich, als würde sie sich selbst nicht über den Weg trauen.
„Willst du es wissen?", frage ich.
Sie nickt.
Also gut. Ich weiß, keiner mag Mathematik. Aber manchmal geht es eben nicht ohne. Auch wenn für die meisten Menschen die Mathematiker schlimmer sind als alle Besserwisser zusammen. Trotzdem hole ich meinen Taschenrechner heraus und fange an zu rechnen. Jetzt nur keinen Fehler machen, denke ich. Das wäre oberpeinlich. Also rechne ich alles zwei mal nach.
„Nun ...", sage ich nach einer Weile. „... nach zwölf Tagen wären es acht, nach vierundzwanzig Tagen vierundsechzig und am Ende des Monats rund 250."
„Und was wäre nach drei Monaten?", fragt die Dritte.
Ich brauche eine Weile. Aber dann sage ich:
„Du wirst es nicht glauben, aber da wären es über acht Millionen."
„Was?", ruft sie, „Das kann doch nicht sein. Schließlich war doch nur einer krank!"
 „Ja, aber jeder, der krank war, hat zwei weitere Menschen angesteckt."
Da werden wir alle still.
„Also doch nicht normal?", sagt sie.
„Nein", erwidere ich. „Doch nicht normal."
                    
                       Gott, schenke uns,
                       jetzt, wo sich die Türen langsam wieder öffnen,
                       die notwendige Klugheit,
                       damit wir die Krankheit nicht auf die leichte Schulter nehmen.

                       Er schenke uns einen langen Atem,
                       damit wir auch weiterhin darauf achten,
                       einander nicht anzustecken.

                       Und er schenke uns Orte,
                       an denen wir miteinander aufatmen
                       und neue Kraft finden können.
        
                       So segne uns Gott
                       und behüte uns Gott,
                       jetzt, und alle Zeit. Amen.
                                                                                     
Pfr. Paul Wassmer

Für alle, die selbst nachrechnen wollen: Vor den Maßnahmen zur Coronakrise verdoppelte sich die Rate der Neu-Erkrankungen im Schnitt alle 3 bis 4 Tage. Bei der Modellrechnung ging ich von einer Verdopplung nach jeweils vier Tagen aus:


Anzahl der Tage          Anzahl der Neu-Ansteckungen
 
0                                           1
4                                           2
8                                           4
12                                          8
16                                         16
20                                         32
24                                         64
28                                        128
32                                        256
36                                        512
40                                      1.024
44                                      2.048
48                                      4.096
52                                      8.192
56                                    16.384
60                                    32.768
64                                    65.536
68                                   131.072
72                                   262.144
76                                   524.288
80                                1.048.576
84                                2.097.152
88                                4.194.304
92                                8.388.608

Das heißt, bei einer ungehemmten Ausbreitung wären nach drei Monaten insgesamt über sechzehn Millionen  Menschen an dem Corona-Virus erkrankt. An diesen Zahlen lässt sich erkennen, wie gut die bisherigen Eindämmungsmaßnahmen wirkten und wie notwendig es ist, die Ausbreitung der Krankheit auch weiterhin zu verlangsamen.
 
Solange die Corona-Krise anhält, laden wir alle hier in Maulburg ein, am Donnerstag Abend eine Kerze anzuzünden. Es ist ein Licht der Hoffnung für alle, die krank sind und ein Zeichen der Solidarität mit allen, die in diesen Zeiten für andere da sind.