Predigt zu Karfreitag 2021 (Hörgottesdienst)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. 
 
Gott segne Reden und Hören. Amen.
 
Liebe Gemeinde
Der Karfreitag ist ein dunkler Tag. Er ist ein Tiefpunkt in der Geschichte Jesu. Alle Hoffnungen, alle Träume, alles, was sich die Menschen damals gemeinsam mit Jesus in den vergangenen Jahren aufgebaut hatten, wurde an diesem Tag zunichte gemacht. Und statt Jubel und Freude, zog nun die Stille und die tiefste Trauer bei den Menschen ein.
 
Was blieb war die Ohnmacht. Was blieb, war die Wut. Was blieb, war die Erfahrung, dass nun andere Mächte das Ruder übernommen haben und dass nichts mehr so war, wie zuvor. 
 
Ohnmacht, die Erfahrung einer absoluter Hilflosigkeit, eine langsam ansteigende Ungeduld, die sich immer mehr zu einer Wut steigert, wie auch die Erfahrung, dass auf einmal andere Mächte das Ruder über unser Leben übernommen haben, das alles kennen wir - durch die Corona-Krise - auch heute. Wir haben durch diese Pandemie gelernt, dass nichts sicher ist - außer der Unsicherheit - und dass sich auch in unserem Leben alles von einem Tag auf den anderen ändern kann.
 
Es sind Karfreitagserfahrungen, die wir in dieser Pandemie machen. Es sind Erfahrungen, die keiner von uns von sich aus sucht, die aber scheinbar uns suchen und uns dazu zwingen, auf unsere ganz eigene Art und Weise in die Erfahrungswelten des Karfreitags einzutauchen, so dass etwas von diesem Tag auch in unserem Leben mitschwingt.
 
Damals, zur Zeit Jesu, versuchten die Menschen in ihrer Not einen Halt in dem zu finden, was sie kannten. Sie suchten in den Texten ihrer Bibel nach etwas, das ihnen helfen konnten, sich in dieser neuen Lage zurecht zu finden. Um so im Rückgriff auf das Alte, sich neu zu sortieren und das Neue zu verarbeiten. 
 
Einer der Texte, der den Menschen damals wichtig wurde, ist das sogenannte Gottesknechtslied aus dem Propheten Jesaja. Dort wird das Schicksal eines Menschen beschrieben - wobei - ob dieser Gottesknecht ein einzelner Mensch war - oder ob er nicht stellvertretend für das ganze Volk Israel stand - das wird in diesen Versen nie ganz klar. So wie dort auch sonst die Bilder, die dort auftauchen, immer wieder verschwimmen oder sich zu widersprechen scheinen. So ist dort zu lesen:
 
Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben auch wir ihn nicht geachtet. Aber er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für einen, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Dabei wurde er um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden geheilt werden.  (Jes. 53, 2-5)
 
Es ist eine seltsame Gestalt, die dort bei dem Propheten Jesaja beschrieben wird. Sie wird als ohnmächtig und verachtet beschrieben, und doch ist sie auch von einer ganz eigenen Kraft erfüllt. Manches an den Schilderungen erinnerte die Menschen ganz direkt an Jesus. So hieß es über diesen Gottesknecht, er würde erhöht - fast wie Jesus am Kreuz, auch wenn dies ein seltsame Art der Erhöhung war - oder es stand in einem Vers zu lesen:  Als er gemartert wurde, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird (Vers 7) auch ... gab man ihm sein Grab bei den Gottlosen und den Übeltätern,..., obwohl er niemandem Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. (Vers 9).
 
Alle diese Anspielungen, aber auch alĺ das Rätselhafte, das mit diesen Worten verbunden war, gab den Menschen damals Trost. Sie fühlten sich in diesen Versen mit ihren Erfahrungen aufgehoben - gerade auch dadurch, dass er in seiner Unbestimmtheit viele verschiedene Anspielungen machte, die viele Deutungen ermöglichte, so dass es für jeden einen Platz gab.
 
Ich glaube, einen solchen Ort bräuchten wir auch heute. Einen Ort, der unsere Erfahrungen aufnimmt, der uns Worte, Begriffe, Bilder für das schenkt, was wir in dem letzten Jahr erlebt haben, der aber zugleich auch noch offen genug ist, dass er auch ganz unterschiedliche Erfahrungen und Deutungen zulässt. Ein solcher Ort könnte unsere unterschiedlichen Erfahrungen zusammenführen, so dass wir mit der Ohnmacht nicht mehr so allein wären. Und er würde uns mit seinen Worten, Begriffen, Bildern helfen, miteinander ins Gespräch zu kommen, um die Erfahrung - dass uns unser altes Leben einfach so genommen wurde - gemeinsam zu verarbeiten.
 
Ein solcher Ort wäre der Kristallisationspunkt für eine Theologie der Ohnmacht. Ein Ausgangspunkt für ein Reden von Gott und von uns Menschen, das die Ohnmacht versteht und sie nicht weg redet. Ein Reden von Gott und von uns Menschen, das die Ohnmacht wahrnimmt und sie nicht verharmlost. Auch wenn das erst einmal heißt: Nichts zu wissen. Nichts tun zu können. Keine Lösung zu haben.
 
Das ist das Eine: Wahrzunehmen, wo der Karfreitag unter uns wohnt. Dabei werden wir merken, dass er uns näher ist, als wir es meinen. Er wohnt in uns. Er wohnt bei den Menschen, mit denen wir leben. Er ist zu Gast bei unseren Nachbarn. Die Erfahrung der Ohnmacht sitzt in uns allen. Und sie ist nicht harmlos. Sie macht etwas mit uns. Dabei kann ein Reden von Gott und von uns Menschen, das diese Ohnmacht kennt, die Ohnmacht nicht wegnehmen, aber sie kann sie zumindest annehmen. So dass wir weinen können, anstatt wütend zu werden, so dass wir reden können, anstatt zu verstummen, so dass wir einander die Hände reichen können, anstatt allein zu sein. Das  ist nicht viel. Aber es ist manchmal alles. Alles was wir können. Aber auch alles, was wir brauchen.
 
Die Not wahrzunehmen - und sie anzunehmen - dafür steht der Karfreitag mit dem Kreuz in der Mitte. Denn Jesus, der damals an diesem Tag von den Römern gekreuzigt wurde, litt ohne gleichen. Ja, er trug dieses Leiden in Gott selbst hinein, so dass Gott litt, an diesem Tag. Er nahm an unser Leid, starb unsren Tod, heißt es dazu in einem Kirchenlied. Wahrnehmen. Und Annehmen. Aber das ist noch nicht alles, für das der Karfreitag steht. Denn er ermutigt uns - uns unsere Gedanken darüber zu machen - wie wir mit einem solchen Leiden, einer solchen Ohnmacht, einer solchen Sinnlosigkeit, umgehen sollen.
 
Die Menschen damals, zur Zeit Jesu, suchten dazu in den alten Texten, wie dem Gottesknechtslied aus dem Propheten Jesaja nach Hilfe. Sie nutzten diese Verse über den  Gottesknecht als ein Erklärungsmodell, das  ihnen zu begreifen half, warum alles so war, wie es war. So konnten sie ihre Erfahrungen der Ohnmacht langsam verarbeiten. Manchmal auch mit schrägen Gedanken, so dass sie sagten, Gott selbst hätte Jesus bestraft. Ein Gedanke, der ein ganz eigenartiges Bild von Gott entstehen lässt. Aber nicht auf dieses Bild von Gott kam es ihnen an. Es war das andere Bild, das für sie zählte, das Bild, in dem Jesus für sie gestorben war, an ihrer Stelle, um sie zu retten. 
 
Auch uns heute täte es gut, diese Corana Pandemie irgendwie zu deuten. Nicht weil ich in meinem Herzen davon überzeugt wäre, dass diese Pandemie einen tieferen Sinn hätte - etwas als Strafe Gottes - Nein, das alles sei fern von mir. Es geht um etwas anderes: es geht nicht um Gott. Es geht um uns Menschen.  Es geht darum, dass uns die Sinnlosigkeit auf Dauer zerstört. Denn wir Menschen sind hoffnungslose Sinnsucher. Vielleicht ist das sogar eines der Dinge, die uns mit Gott verbinden, die mit zu unserer Ebenbildlichkeit gehören, weil auch Gott immer nach einem Sinn sucht.
 
Wo könnte also der Sinn dieser Corona-Pandemie liegen?
 
Ist sie vielleicht ein Mahnmal gegen unsere menschliche Hybris? Haben wir im Vertrauen auf die Technik und auf die Machbarkeit aller Dinge die Natur zu sehr in die Enge getrieben, und uns dabei zu sicher gefühlt, so dass wir unsere Welt immer enger vernetzten, immer globaler aufstellten, ohne dabei zu merken, dass wir uns dadurch auch immer anfälliger machten? Soll uns die Pandemie zeigen, dass es so nicht geht?
 
Oder ist sie ein Mahnmal gegen den Geschwindigkeitsrausch, in den wir uns vor der Pandemie hineingesteigert haben? Immer höher, immer weiter, immer schneller. Besteht der Sinn dieser Pandemie für uns darin, die Langsamkeit neu zu entdecken, wie auch die Kraft, die in den ganz einfachen Dingen stecken, wie zum Beispiel der Berührung eines Menschen, der es gut mit uns meint?
 
Oder ist die Pandemie ein Weckruf für uns - im Hinblick auf den drohenden Klimawandel. Gibt sie uns Menschen die Chance, mit allen Sinnen zu begreifen, dass unsere Welt eben nicht sicher  - sondern bedroht ist - und zeigt  uns die Corona-Pandemie im Guten auf, was alles möglich ist, wenn sich die Welt in Bewegung setzt und handelt? So dass wir im Nachhinein vielleicht sagen: erst durch die Corona-Pandemie hat die Welt gelernt, sich gemeinsam gegen den drohenden Klimawandel zu stellen? Wer weiß?
 
Wir Menschen sind hoffnungslose Sinnsucher. Und auch wenn die Corona-Pandemie vielleicht gar keinen tieferen Sinn in sich trägt, können wir ihr doch einen solchen Sinn geben. Für uns persönlich. Wie auch für unsere Welt. Und so den Erfahrungen des Überwältigtwerdens, der Ohnmacht und Hilflosigkeit etwas Positives entgegensetzen: die Erfahrung des aufeinander Hörens, des Füreinander da seins, und der Erfahrung, dass wir gemeinsam etwas daraus gelernt haben für die Zukunft.
 
Der Karfreitag ist dafür ein guter Tag. Er steht für die tiefste Sinnlosigkeit. Für die Ohnmacht. Und für das Leiden, das selbst Gott erfasst, so dass Gott selbst stirbt, vor unser aller Augen. Aber zugleich steht dieser Tag auch für die Hoffnung. Nicht umsonst wurde ausgerechnet das Kreuz zum Hoffnungs- und Erkennungszeichen der Christinnen und Christen. Es macht uns Mut, Sinn auch in der Sinnlosigkeit zu suchen, es macht uns Mut, über unseren Horizont hinauszusehen und auf das zu hoffen, was noch kommt. 
 
Denn am Ende wird nicht die Ohnmacht sein,
und auch nicht die Wut oder die Einsamkeit,
sondern die Freude und die Gemeinschaft
miteinander und mit Gott.
 
Auch dafür steht das Kreuz.
Jetzt und in Ewigkeit. 
Amen. 
 
(Pfr. Paul Wassmer, Hörgottesdienst am Karfreitag 2021)