Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne reden und hören. Amen.
Liebe Gemeinde,
Als Predigttext für den heutigen ökumenischen Gottesdienst am Pfingstmontag hören wir auf Worte aus dem zweiten Timotheus-Brief. Dort heißt es:
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,
sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit." (II. Tim. 1,7)
sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit." (II. Tim. 1,7)
Liebe Gemeinde
„Was ist das eigentlich für ein Geist, dessen Kommen wir an Pfingsten feiern? Wie sieht er aus - was macht - oder bewirkt er?"
Die Worte aus der Bibel die wir eben gehört haben, geben uns eine ganz eigene Antwort auf diese Frage. Dabei beginnen sie damit, was Gottes Geist nicht macht: Er macht keine Angst. Gott ist kein Angstmacher.
Das ist doch eine Aussage - in Zeiten wie diesen - in denen viele von uns das Thema Angst ganz neu kennen gelernt haben. Schließlich leben wir seit gut anderthalb Jahren in einem Ausnahmezustand, der unser altes Leben komplett umkrempelte. Dabei dominierte am Anfang der Pandemie noch ein Lächeln, dem aber bald schon ein Erschrecken folgte, wie auch ein erster Lockdown. Diesem Lockdown folgte schon bald ein zweiter, aus dem wir uns jetzt erst langsam wieder herausarbeiten. So hält uns die Krankheit noch immer in ihrem Griff. Und auch wenn wir langsam doch Luft sehen, mit den zurückgehenden Infektionszahlen im Sommer und der Impfung, sind wir trotzdem noch nicht ganz auf der sicheren Seite. Die Angst bleibt, die sich auf unsere Seele gelegt hat. Schließlich rüttelt die Corona-Krise an den Grundfesten unserer Gesellschaft. An dem Mythos, dass wir in Deutschland das Leben im Griff hätten, mit unserer deutschen Gründlichkeit. Statt dessen erleben wir immer wieder Kontrollverlust und Ohnmacht. Das ist nur schwer auszuhalten. Dazu kommen die Schreckensbilder von den Krankenhäusern und den Beatmungsmaschinen. Nein. Wir leben im Moment in Zeiten der Angst - und da tut es gut zu hören, dass Gott diese Angst nicht verdoppelt, sondern dass er einer ist, der uns hilft, uns der Furcht zu stellen, so dass unser Leben nicht der Angst gehört, sondern uns selbst.
Eine solche Angst, die ihr Leben zu zerstören drohte, hatte die Freunde von Jesus auch damals, vor 2000 Jahre. Sie hatten Angst vor den Römern - und vor dem, was die Römer ihnen antun konnten: ins Gefängnis werfen, foltern - oder umbringen, so wie die Römer auch Jesus umgebracht hatten. Diese Angst war unter den Freunden Jesu damals weit verbreitet. Bei jedem Klopfen an die Tür zuckten sie zusammen. Darum hatten sie die Türen zugesperrt und die Fenster verschlossen. Sie hatten sich eingesperrt und hofften, - hinter ihren verschlossenen Türen - alles irgendwie zu überstehen. Aber die Angst ist ein schlechter Ratgeber. Sie macht unser Leben klein, sie sperrt es ein. Sie macht uns einsam, sie lässt unser Vertrauen schwinden, in uns selbst und in andere.
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht" heißt es dagegen in unserem heutigen Bibeltext - und genau das haben die Freunde Jesu damals erlebt: dass Gott ihnen seinen Geist gab - und dass durch diesen Geist ihre Furcht ausgetrieben wurde, so dass sie wie weggeblasen war.
Dabei begann alles hinter verschlossenen Türen. „Ich gehe da nicht raus!" sprachen die Freunde Jesu damals. „Da draußen sind so viele Leute!" „Das ist ein Fest, ein Erntedankfest für die Weizenernte!" „Jedes Fest ist gefährlich. Das weißt du doch. An Festtagen sind die Römer besonders auf der Hut, weil so viele Leute nach Jerusalem kommen. Denk nur an das letzte Fest, das Passafest vor 50 Tagen, als Jesus umgebracht wurde!" So haben vielleicht die Stimmen gelautet, in dem Haus, das so fest verschlossen war - nach außen: mit Türen und Fenster - nach innen: mit der Angst.
Dass einige von Ihnen dabei Jesus gesehen hatten, als Auferstandenen, machte - für unsere heutigen Augen vielleicht erstaunlicherweise - ihre Angst nicht kleiner. Denn Jesus hatten sie immer nur kurz gesehen, fast war es für sie wie ein Traum gewesen. Er war nicht bei ihnen geblieben - im Gegensatz zu den Römern, die jeden Tag furchteinflößend vor ihnen standen. Sicher, irgendwie tat es gut, zu wissen, dass er lebte - aber irgendwie war es auch seltsam: er war nicht so, wie zuvor. Nicht so greifbar. Er trug noch die Wunden des Todes mit sich. Viele hatten Angst, wenn sie ihn sahen. Nein, die Angst blieb. So sassen sie zusammen, an diesem Fest - hinter verschlossenen Türen.
Da kam ein Brausen auf, wie von einem heftigen Wind. Oder - um mit den Worten des Timotheusbriefes zu reden: Gottes Geist ist ein Geist der Kraft. Da kann es schon einmal brummen, so wie ein Lastwagen brummt, der am Haus vorbeifährt. Da kann es schon einmal brausen, so wie ein Wind braust, der an den Türen und Fenstern zieht und sie zum Klappern bringt. Da ist Kraft dahinter, die - je nach dem - auch schon einmal ein Dach abdecken kann - einen Fensterladen aus seinen Befestigungen reist - Dinge durcheinander bringt, die wir Menschen gern ordentlich aufgereiht aufbewahren - Dinge auch, wie unsere Angst. Da fliegt die Tür auf - und der Wind kommt herein. Da können die Menschen im Haus nicht mehr sitzen bleiben, sondern stehen auf, und einer, mit rot glühenden Backen, sagt plötzlich: „Das soll uns ein Zeichen sein! Kommt raus! Wir verstecken uns nicht länger! Wir gehen nach draußen, die Türen sind auf!"
„Kommt, wir gehen nach draußen!" das sagen auch heute immer mehr Menschen, angesichts ihrer Lebensumstände. Wir verstecken uns nicht länger. Machen uns nicht klein. Zeigen uns, auch wenn es uns nicht so gut geht, besiegen die Angst.
Damals, am Pfingstfest, so erzählt die Geschichte - verdichtet - standen Zungen wie Feuer über den Köpfen der Menschen. Zungen wie aus Feuer - über jedem. Jeder und jede ergriff das Wort - verlor die Stummheit. Ein bunter Chor - wo vorher noch tiefes Schweigen war. Ein wildes Durcheinander - das sich immer mehr gegenseitig anspornte, neue Wörter zu finden, andere Wörter. Noch nie gehörte Wörter, unerhört, ungesprochen, um das zu beschreiben, was hier geschah: Das Ende der Angst. Der Anfang der neuen Kraft und des neuen Vertrauens. Vielleicht tanzten manche, wer weiß? Von denen, die von draußen durch das Fenster sahen, meinten manche auf jeden Fall: die sind betrunken. Klar. Und das am frühen Morgen.
Betrunken? Nein! Aber außer sich. Ekstatisch - könnte man sagen. Und die Zungen aus Feuer könnte man auch als eine Art von Anspielung auf die Zungenrede verstehen. Glossolalie. So wie es heute in einigen charismatischen und pfingstlerischen Gemeinden praktiziert wird. Erst einmal in Ekstase gebracht, bewegt sich die Zunge wie von selbst und gibt alle möglichen Laute von sich. Manche klingen vertraut - andere völlig fremd. Wer sich darauf konzentriert, kann manchmal etwas daraus hören. Diejenigen, die so sprechen - können hinterher meist nicht mehr sagen, was da aus ihrem Mund kam. Es war irgendwie unbewusst - ohne dass ihr Gehirn willentlich etwas dazu beigetragen hätte - oder: als hätte jemand anderes durch sie hindurch gesprochen - der Geist Gottes.
So - oder so ähnlich - könnte es damals gewesen sein. Das Pfingstgeschehen war eine ekstatische Sache. Und viele der ersten Christinnen und Christen lebten eine ekstatische Form ihres Glaubens. Wer heute eine pfingstlerische Gemeinde besucht, bekommt vielleicht eine Vorstellung davon. „Lebe deinen Glauben wild und gefährlich!" „Lass dich nicht von der Angst wieder einfangen!" „Traue dich, auch einmal außer sich zu sein, dich selbst zu verlieren." Was damals in Jerusalem geschah, das war eine solche ekstatische Erscheinung: da waren viele außer sich, wirkten wie betrunken, sprachen in Zungenrede. Es war eine Massenerscheinung, eine Verschmelzung fand statt, ein Eins-Sein, in dem jeder jeden verstand. Einfach so, ohne Worte. Es war ein Durchbruch an Kraft. Ein Punkt, in dem die Menschen Gottes Nähe und Kraft in der Gemeinschaft untereinander neu erlebten: ein Fest des Geistes. So war die Geburts-Stunde der Kirche, die sich von dort aus ausbreitete wie ein Lauffeuer und viele mit hinein nahm in diese neue Gemeinschaft.
„Warum" mag mancher von uns heute fragen, wenn er oder sie dies hört, „Warum ist das nicht bis heute so?" Und: „Müssten wir dann nicht auch heute eher in einer pfingstlerischen, charismatischen Gemeinde sein?"
Nein - müssen wir nicht - und das aus guten Gründen. Einer der Gründe ist, dass solche Geisterfahrungen nicht ständig geschehen - sondern eher die Ausnahme darstellen. „Der Geist Gottes weht, wo er will!" heißt es in der Bibel. Er lässt sich nicht herbeizitieren, nicht befehlen, oder selber herstellen. Auch so etwas wie das Pfingstgeschehen damals lässt sich nicht einfach ins heute kopieren - es war etwas Besonderes - eine Ausnahmeerscheinung.
Aber auch wenn solche oder ähnliche Erscheinungen in den heutigen pfingstlerischen Gemeinden durchaus immer wieder auftreten, spricht noch etwas Zweites gegen ein solches Geistverständnis, das seinen Schwerpunkt auf das „Außer-sich-sein" legt, auf die Zungenrede oder ähnliche Erscheinungen. Und das hat sehr viel mit dem zu tun, wie die ersten Christinnen und Christen diese Form der Geisterfahrung erlebten. Nur „Außer-sich-zu-sein", nur in Zungen zu reden, das hatte auf Dauer etwas Losgelöstes, es war wie eine Form, aber ohne Inhalt, es hatte etwas Selbstbezogenes, diente mehr dem eigenen Ego, als dem Wohl der Gemeinde. Und so kam es, dass diese Form der Erfahrungen des Geistes Gottes schon im Urchristentum nach und nach eingerahmt und abgelöst wurden von anderen Erfahrungen, welche die Menschen mit dem Geist Gottes in Beziehung brachten.
So heißt es auch im Timotheus-Brief nicht von ungefähr über diesen Geist: er sei der Geist der Liebe und der Besonnenheit.
Und beides - die Liebe wie die Besonnenheit - brauchen wir, gerade heute. Denn wild und ungestüm auf die Straße zu rennen - und sich dort - ohne Maske zu umarmen - mag einem in dem Moment ja vielleicht gut tun, gegen die Angst - aber es löst nicht das Problem, das wir mit der Corona-Krise haben. Nein, es macht dieses Problem nur größer. Was aber hilft, neben dem Ablegen der Angst und dem Ablegen der Ohnmacht, ist die Liebe und die Besonnenheit.
Denn ohne eine solche Liebe bleibt das Leben leer. Und Ist umsonst. Aber mit dieser Liebe blüht es auf und bekommt einen eigenen Duft. Es schmeckt nach mehr. Gleichzeitig verweist diese Liebe in ihrem inneresten Kern auf das, was Gott, was den Glauben ausmacht.
Gott ist die Liebe, heißt es in einer Stelle in der Bibel. Er ist die Quelle, der Ursprung, aus der alle Liebe in unser Leben fließt - und Glauben heißt nichts anderes, als diese Liebe im eigenen Leben aufzunehmen. Denn Glauben hat nichts damit zu tun, recht zu haben, oder moralisch besser zu sein, als andere. Nein, Glauben heißt, auf Gott zu vertrauen und im Vertrauen auf ihn zu wagen, die Liebe zu leben. Mit allen Risiken, die damit verbunden sind, Mit den Zurückweisungen, Verletzungen, Enttäuschungen. Aber auch mit all´ den Freuden, dem Angenommensein, ganz und gar, mit der Geborgenheit, dem Vertrauen, dem sich Fallen lassen können.
Diese Liebe schenkt uns Gott mit seinem Geist. Und dazu noch die Besonnenheit.
Wer besonnen ist, denkt nach, bevor er etwas unternimmt. Wie geht es am Besten? Wer kann mir helfen? Was muss ich dazu noch wissen? Und erst dann wird er, wird sie aktiv. So bauen wir mit unserem Leben keine Häuser auf Sand, wo der erste Sturm sie gleich davon weht, sondern etwas, das stabil ist, das trägt, das Bestand hat, uns zur Freude - und den Menschen zum Segen.
Kraft, Liebe und Besonnenheit, das sind die Gaben, die Gottes Geist uns schenkt.
Kraft, um sich aus der Ohnmacht und der Angst zu erheben
Liebe, um das Herz zu füllen und die richtige Richtung für das Leben zu finden
und Besonnenheit, damit wir nicht einfach blind losstürmen, sondern überlegen und dann das Richtige auch tun.
Liebe, um das Herz zu füllen und die richtige Richtung für das Leben zu finden
und Besonnenheit, damit wir nicht einfach blind losstürmen, sondern überlegen und dann das Richtige auch tun.
Diese drei Gaben des Geistes Gottes wünsche ich ihnen in diesen Coronazeiten, Möge Gott Sie mit diesen Gaben segnen. Jetzt und in Ewigkeit. Amen.
(Pfr. Paul Wassmer, Pfingstmontag 2021)
