Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde
Unser Atem ist etwas ganz Besonders. Er funktioniert, ohne dass wir an ihn denken müssten, und schenkt uns Tag und Nacht Kraft zum Leben.
Ja, nach der biblischen Geschichte, die Sie in der Lesung eben gehört haben, stammt unser Atem sogar direkt von Gott. Gott hat ihn uns geschenkt, als er aus etwas Erde und Wasser den ersten Menschen formte und dieser Gestalt, in einer Art Mund-zu- Mund-Beatmung, den Odem des Lebens einhauchte. Es ist eine mythische Erzählung, aus längst vergangenen Tagen, die hier in der Bibel erzählt wird, und mit der die Menschen damals bekannten, dass unser Leben nicht aus uns selbst stammt, sondern von Gott. Wobei dieses Leben in dieser Geschichte nicht mit unserem Herzen verbunden ist, das unser Blut durch unseren Körper pumpt – und auch nicht mit unserem Gehirn, mit dem wir die Welt verstehen und durchdringen, sondern mit unserem Atem. Zu Atmen bedeutet zu Leben. Angefangen von unserem ersten Atemzug direkt nach unserer Geburt, bis hin zu unserem letzten Atemzug vor unserem Tod, mit dem wir wir unser Leben, das uns von Gott eingehaucht wurde, aushauchen.
Doch was machen wir mit diesem Atem, in den Jahren, Monaten, Tagen und Minuten, in denen wir leben? Nutzen wir ihn, um mit seiner Hilfe andere Menschen anzubrüllen? Pressen wir ihn mit aller Kraft aus uns heraus, so dass wir andere Menschen damit weg pusten? Verstecken wir ihn, vor uns selbst und vor der Welt, so dass wir immer nur ganz flach atmen, als würde es uns nicht zustehen, unseren Mund aufzumachen und kräftig Luft zu holen? Ja, atmen wir die ganze Zeit hektisch ein, weil wir Angst haben, zu wenig Luft zu bekommen – oder lassen wir unseren Atem – gelassen und ruhig – von uns ausströmen, weil wir wissen, dass wir jederzeit wieder neuen Atem schöpfen können?
Wie wir atmen – und wie wir mit unserer Atmung umgehen – sagt viel über uns aus. Über das, was wir sind. Und wer wir sind.
Unseren Atem auf eine ganz besondere Weise zu nutzen, dazu laden uns die Worte aus dem 150. Psalm ein, der im Alten Testament am Ende des Psalmenbuches steht. In diesem Psalm heißt es:
Lobet Gott in seinem Heiligtum,
lobet ihn in der Feste seiner Macht!
Lobet ihn für seine Taten,
lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!
Lobet ihn mit Posaunen,
lobet ihn mit Psalter und Harfen!
Lobet ihn mit Pauken und Reigen,
lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!
Lobet ihn mit hellen Zimbeln,
lobet ihn mit klingenden Zimbeln!
Alles was Odem hat, lobe den Herrn!
(Ps. 150)
Alles was Odem hat, lobe den Herrn – mit diesen Worten schließt der Psalm und mit ihm auch das Psalmenbuch. Er schließt mit einer Aufforderung: Mit jedem Atemzug, den wir machen, sollen wir Gott loben.
Warum sollten wir das tun? Außer, dass es in der Bibel steht?
Warum sollten wir mit jedem Atemzug Gott loben?
Und wie soll das gehen - Gott zu loben – durch unseren Atem?
Ja, wollen wir das überhaupt? Schließlich gibt es so vieles auf der Welt, das uns den Atem raubt, so dass wir verzweifelt nach Luft schnappen. Zum Beispiel, wenn wir hoffnungslos enttäuscht wurden … wenn uns die Hoffnung verloren ging … oder das Vertrauen.
Der Psalm sagt nicht, dass es dies alles nicht gibt. Wer die Psalmen kennt, weiß, dass die Ungerechtigkeit dort deutlich beim Namen genannt wird. Dabei wird in ihnen auch Gott immer wieder auf die Anklagebank gezerrt. Er wird gefragt: „Warum tust du nichts gegen das Unrecht, das in dieser Welt seinen Kopf nach oben streckt? Warum lässt du die ganze Ungerechtigkeit zu?“
Und trotzdem, ganz am Ende der Psalmen, steht die Aufforderung zum Lob Gottes. Dabei soll dieses Lob nicht nur einmal erklingen, kurz und bündig, so dass wir dieses Lob schnell wieder hinter uns bringen könnten. Nein. Wir sollen Gott Tag für Tag loben, Stunde für Stunde, Minute für Minute,ja mit jedem Atemzug, den wir machen.
Ein solches Lob kann, das wage ich an dieser Stelle zu behaupten, keine bewusste Willensentscheidung mehr sein. Nein. Es ist vielmehr eine Grundhaltung, die, wenn wir sie erst einmal eingeübt haben, uns ein Leben lang begleitet. Ohne, dass wir darüber nachdenken. So, wie wir ja auch über unseren Atem die meiste Zeit nicht nachdenken, sondern darauf vertrauen, dass unser Körper von ganz allein diese Aufgabe für uns übernimmt.
Genau so, so stelle ich es mir vor, soll auch unser Lob erklingen. Wie eine Art Gegenmelodie, eine Art Protestsong, gegen alles, was in dieser Welt schief läuft. Ja, durch dieses Lob, für alles, was schön und gut ist in dieser Welt, wird zugleich unser Blick geschärft, für das, was unter uns Menschen nicht so gut läuft. Was ungerecht ist. Oder Böse. Wir sollen, wenn es nach Gott geht, diesem Unrecht ins Auge sehen. Wir sollen gegen dieses Unrecht kämpfen, mit unserer ganzen Kraft, doch was wir nicht sollen, ist unseren Blick von diesem Unrecht bannen zu lassen. Denn wenn wir die ganze Zeit auf das starren, was in unserer Welt schief läuft, raubt uns dieser Blick den Atem. Er schnürt uns die Luft ab. Und er macht nichts in unserem Leben besser. Nein. Vielmehr nimmt uns ein solches ständiges Starren auf das Böse in dieser Welt das Leben, das Gott uns geschenkt hat.
Das Loben dagegen, schenkt uns Leben. Denn wenn wir uns - mit jedem Atemzug, den wir machen - an den Schönheiten dieser Welt freuen, nehmen wir mit jedem Atemzug etwas von dieser Freude in uns auf – und wenn wir ausatmen, lassen wir diese Freude wieder aus uns herausfließen, um sie mit anderen zu teilen, so wie wir auch unseren Atem wieder aus uns herausströmen lassen und ihn nicht krampfhaft in uns festhalten.
Eine solche Art zu atmen, verändert unser Leben. Es bringt Ruhe in unser Leben. Und Frieden. Es hilft uns, die Schnapp-Atmung abzulegen, in die wir gern verfallen, wenn wir in den Nachrichten oder auf Social Media wieder und wieder von allen möglichen negativen Meldungen überhäuft werden. Es hilft uns, uns im Strudel der Zeit nicht zu verlieren, sondern uns zu finden. Mit jedem Atemzug.
Probieren Sie es doch einmal aus. Hier und jetzt.
Atmen sie einmal kräftig ein, so dass sie die Luft spüren, die ihre Lungen füllt. Und dann, etwas später, atmen sie ganz langsam wieder aus. Lassen sie sich Zeit dafür, so dass die verbrauchte Luft aus ihren Lungen ganz ausströmen kann. Spüren sie, wie gut es gut, nicht alles was sich in einem angestaut hat, krampfhaft in sich festzuhalten, sondern loszulassen. Und dann nicht sofort wieder hektisch einzuatmen, sondern zur Ruhe zu kommen. Und den Moment abzuwarten, bis der Körper von ganz allein wieder das Signal zum Einatmen gibt.
Einatmen – (kurze Pause)
und nun ganz langsam wieder Ausatmen - (lange Pause)
Zu Atmen ist etwas Wunderbares.
Zu Leben ist etwas Wunderbares.
Wir können dieses Wunder spüren, mit jedem Atemzug, den wir machen.
Und wir können Gott, von dem wir dieses Leben geschenkt bekommen haben, mit jedem Atemzug danken.
Schließlich verbindet uns dieser Odem des Lebens mit Gott, der Quelle allen Lebens. Und er verbindet uns mit allem, was lebt. So heißt es in dem Psalm am Ende nicht von ungefähr:
„Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“
Wir sind als Menschen nicht allein mit unserem Lob Gottes. Nein. Jeder Mensch, ja, jedes Tier, jede noch so kleine Ameise hier bei uns oder jeder noch so große Elefant irgendwo in Afrika lobt Gott mit uns. Es ist eine einzige große Symphonie. Es ist ein Konzert der vielfältigsten Stimmen und der unterschiedlichsten Art. Dieses Konzert ist vielleicht nicht immer harmonisch. Vielleicht sind in diesem Konzert auch immer wieder schiefe Töne zu hören. Doch gleichzeitig ist dieses Konzert voller Freude. Voller Hoffnung. Und voller Kraft.
So stellt sich Gott unser Leben vor, sagt die Bibel. Dass wir miteinander Gott loben, mit jedem Atemzug, den wir machen, und dass wir unser Leben auf diese Weise miteinander leben. Denn wer miteinander singt, wer miteinander musiziert, wer miteinander das große Konzert des Lebens aufführt, und wessen Herz für dieses Konzert brennt, der verschwendet seine Zeit nicht damit, anderen Menschen oder Tieren etwas Böses anzutun. Der trachtet auch nicht danach, alles immer nur für sich haben zu wollen, sondern weiß, dass es für ein solches Konzert alle braucht. Auch die, die einem vielleicht auf Anhieb nicht so sympathisch sind. So ordnet sich das Leben auf seine ganz eigene Weise und fügt sich im Lob Gottes zusammen. In einem großen Hymnus auf das Leben.
Liebe Gemeinde
Was schenkt ihnen Atem? Was lässt sie innerlich und äußerlich aufatmen, so dass sie Luft bekommen?
Und was raubt ihnen den Atem? Was versetzt sie in Schnapp-Atmung, so dass ihr Herz anfängt laut zu schlagen?
Es lohnt sich, sich über diese Fragen Gedanken zu machen. Und es lohnt sich, sich von den Worten der Bibel einladen zu lassen, Gott mit jedem Atemzug, den wir machen, zu loben. Denn mit unserem Atem sind wir mit Gott und mit allem Leben verbunden. Und indem wir Gott loben, geben wir unserem Leben eine Richtung, in der wir mit allem, was lebt verbunden sind, und in der sich unser Leben und das Leben um uns herum entfalten kann, weil sich mit jedem Lob unsere Seele weitet. Uns zur Freude, der Welt zum Segen. Und Gott zur Ehre.
Jetzt und in Ewigkeit. Amen.
Pfr. Paul Wassmer (7. So. n. Trin.; 19. Juli 2026, Maulburg)
