Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde
Es gibt eine alte jüdische Legende, die von der Entstehung der Psalmen erzählt. Nach dieser Legende stand König David eines Nachts am offenen Fenster seines Palastes, als auf einmal der Atem Gottes – die Ruach – zu ihm kam und auf seiner Harfe wunderschöne Lieder zum Erklingen brachte. Diese Lieder prägten sich im König ein und am nächsten Morgen schrieb der König sie alle auf.
So, erzählt die jüdische Legende, seien die Psalmen entstanden. Sie kommen quasi direkt von Gott und überschreiten – wie die Träume – die Grenzen von Raum und Zeit. Ihre Worte nehmen uns Menschen mit hinein in ein Spannungsfeld zwischen tiefster Todesverlassenheit auf der einen Seite - und überschwänglichem Jubel auf der anderen. So schenken sie uns Menschen eine Sprache, die uns hilft, aus den Sackgassen wieder zu entkommen, in die wir uns mit unserem Leben immer wieder verfahren.
Psalmen sind also „Lebensführer“. Sie führen uns durch unser Leben und es ist immer wieder spannend, sich auf sie einzulassen. Im Mittelpunkt der Predigt hetue steht dabei der 139. Psalm. In ihm heißt es:
1 HERR, du erforscht mich und kennst mich.
2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
du verstehst meine Gedanken von ferne.
3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich
und siehst alle meine Wege.
4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,
das du, HERR, nicht alles wüsstest.
5 Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.
6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,
ich kann sie nicht begreifen.
7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
8 Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten,
siehe, so bist du auch da.
9 Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
10 so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.
11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken
und Nacht statt Licht um mich sein –,
12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,
und die Nacht leuchtete wie der Tag.
Finsternis ist wie das Licht.
13 Denn du hast meine Nieren bereitet
und hast mich gebildet im Mutterleibe.
14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, /
da ich im Verborgenen gemacht wurde,
da ich gebildet wurde unten in der Erde.
16 Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war,
und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,
die noch werden sollten und von denen keiner da war.
17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so groß!
18 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand:
Wenn ich aufwache, bin ich noch immer bei dir.
19 Ach, Gott, wolltest du doch den Frevler töten!
Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!
20 Denn voller Tücke reden sie von dir,
und deine Feinde erheben sich ohne Ursache.
21 Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen,
und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?
22 Ich hasse sie mit ganzem Ernst;
sie sind mir zu Feinden geworden.
23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.
24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.
Liebe Gemeinde
Die Worte des Psalms klingen poetisch. Als kämen sie aus einem Lied, dessen Melodie leise in uns erklingt. Sie nehmen uns mit auf eine Reise, die angefüllt ist mit Gefühlen der unterschiedlichsten Art.
Die Reise beginnt voller Geborgenheit. Gott du kennst mich, so heißt es am Anfang in dem Psalm. „Ob ich sitze oder stehe, du Gott weißt es“ „Ja von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“
Eine große Nähe spricht aus diesen Worten. Da ist jemand, der weiß, wie es um mich steht. Der versteht mich, besser, als ich mich vielleicht selbst verstehe. Der kennt mich in- und auswendig und hält seine Hand über mir.
Viele Menschen suchen eine solche Nähe. Sie suchen sie bei anderen Menschen – und sie suchen sie bei Gott. Sie suchen eine Nähe, in der sie sich selbst loslassen können, und in der der jemand Verständnis hat für all´ die Sorgen und Fragen, die sie umtreiben. Und sie suchen eine Aufmerksamkeit, die ihrem eigenen Leben eine Bedeutung gibt. Sie suchen all´ das, weil ihnen in ihrem Leben eine solche Geborgenheit, ein solches Verständnis und eine solche Aufmerksamkeit immer wieder schmerzlich fehlt.
Doch was ist, wenn wir eine solche Nähe, ein solches Verständnis und eine solche Aufmerksamkeit im Übermaß erhalten? Wenn sie kein Mangel mehr wären, sondern wir in ihnen gleichsam baden können?
Psalmen sind ehrlich. Sie loten die Felder des zwischenmenschlichen Zusammenlebens unbarmherzig aus. Genauso wie sie auch die Spannungsfelder zwischen uns Menschen und Gott ausloten. Was also, fragt der Beter des Psalms, geschieht mit uns, wenn wir uns der Nähe, dem Verständnis und der Aufmerksamkeit Gottes ganz und gar bewusst werden? Wird uns sein Verständnis, seine Aufmerksamkeit, seine Nähe nicht irgendwann zu viel? Ja, fühlen wir uns auf Dauer von dieser Nähe nicht erdrückt, so dass uns die Luft zum Atmen fehlt? Wie sollen wir denn denken, wenn Gott jeden Gedanken von uns mitdenkt? Wie sollen wir lieben? Oder hassen – wenn immer jemand alle unsere intimsten Gefühle immer mit uns teilt?
Doch wohin könnten wir gehen, um Gott auszuweichen?
Wohin können wir vor ihm fliehen?
Der Psalmbeter spielt die Idee einer Flucht vor Gott in aller Ausführlichkeit durch. Sein erster Fluchtimpuls führt ihn in den Himmel. In eine unendlich große Welt, die niemand überblicken kann. Sein zweiter Fluchtimpuls führt ihn in das Totenreich, in dem ebenfalls unzählige Menschen zu finden sind. Es sind zwei weit entfernte Welten, die niemand kennt und die niemand erreichen kann – und doch: Gott wäre auch dort da. Und trotz der Größe dieser Welten würde Gott ihn auch dort finden.
So flieht er als Nächstes mit den Flügeln der Morgenröte an den äußersten Rand des Meeres, dort, wo nach der damaligen Vorstellung der Welt das Wasser der Meere in eine unendlich tiefen Abgrund stürzt. Doch auch dort, am äußersten Rand der Welt, wo alles endet, ist Gott zu finden. Es bleibt noch die Finsternis. Die Welt des Verborgenen. Aber auch diese Flucht schlägt fehl. Denn auch was finster ist, ist nicht finster vor Gott
Die Flucht bleibt also ohne Erfolg. Es gibt kein Entkommen. Gott ist überall. Für die Menschen damals, wie auch für uns heute.
Denn auch wenn wir mit einer Zeitmaschine
in die Zukunft reisen würden,
oder uns in die Vergangenheit zurück zögen,
wäre Gott dort zu finden.
Und flögen wir mit einem Raumschiff zum Mond,
oder noch weiter, über unser Sonnensystem hinaus,
Ja, würden wir sogar unsere Galaxie verlassen
und an den Rand des Universums fliehen,
Siehe, so würde Gottes Hand uns auch dort noch halten.
Psalmen nehmen uns mit auf eine Reise. Der Psalm 139 nimmt uns mit auf eine Flucht. Eine Flucht vor Gott, weil wir Menschen die Nähe Gottes, wie auch seine gigantische Größe, die alles, was wir uns vorstellen können, übersteigt, nicht aushalten können. Unser Verstand ist zu klein, um Gott zu denken. Auch sind unsere Gefühle zu klein, um Gott in uns aufnehmen zu können. Was bleibt, ist die Flucht.
Auch wenn sich diese Flucht nach und nach verlangsamt. Der Beter beginnt einzusehen, dass es keinen Sinn macht, weiter vor Gott wegzulaufen. Gott ist überall. Selbst bei seiner eigenen Geburt war Gott schon da. Da, wo wir selbst noch keine Erinnerung an uns haben und wir uns noch nicht kennen. Wo wir geformt wurden, von unseren Eltern, und der Gesellschaft. Auch da war Gott schon da. Genauso, wie er auch in unserer Zukunft da sein wird. Er weiß, was uns erwartet. Für ihn ist unser Leben bereits aufgeschrieben, wie in einem Buch. Wir Menschen können so viele Haken schlagen, wie wir wollen. Es nützt nichts. Gott kennt sie alle schon im Voraus. So gibt der Beter des Psalms schließlich seine Flucht auf. Er bleibt stehen und resigniert.
17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
- sagt er.
Wie ist ihre Summe so groß!
18 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand:
Doch was kommt dann? Was kommt an dem Punkt, an dem der Beter seine Flucht aufgibt und er mit leeren Händen vor Gott steht?
Es kommt das, was schon die ganze Zeit in ihm da ist.
Und was er die ganze Zeit vor sich selbst und vor Gott verborgen hielt. Jetzt bricht es aus ihm heraus.
Was da aus ihm herausbricht, ist der blanke Hass. Es ist die blinde Wut.
Es ist ein Hass, eine Wut, die mich beim Lesen des Psalms erst einmal erschreckt hat. Doch ist es ein Hass, eine Wut, die ich, je länger ich über sie nachdenke, ich auch verstehen kann. Schließlich kocht auch bei mir die Wut hoch, wenn ich in meinem Leben an einem Punkt komme, an dem ich mit meinen Kräften nicht mehr weiterkomme - und ich mit all meinen inneren und äußeren Zwängen an einer Stelle festhänge.
19 Ach, Gott, wolltest du doch den Frevler töten!,
- ruft der Beter des Psalms
Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!
20 Denn voller Tücke reden sie von dir,
und deine Feinde erheben sich ohne Ursache.
21 Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen,
und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?
22 Ich hasse sie mit ganzem Ernst;
sie sind mir zu Feinden geworden.
Bei dem Beter des Psalms brechen in dem Moment der Erschöpfung die ganzen Verletzungen auf, die er im Verlauf seines Lebens angesammelt hat. Ebenso wie die vielen ungeheilten Wunden, die er in sich trägt. Jetzt kommen sie zu Tage. Jetzt legt er sie Gott auf den Tisch.
Denn die Zeit des Wegrennens ist für ihn vorbei. Jetzt ist die Zeit der Ehrlichkeit gekommen. So zeigt er Gott den Hass, der in seinem Herzen brennt. Der Hass über die Ungerechtigkeit in dieser Welt und über die Gewalt, die in unsere Welt immer wieder aufflammt.
Was brennt in ihrem Herzen?
Ja, was tragen sie in ihrem Herzen,
das sie niemandem sagen können,
weder sich selbst, noch Gott?
Der Beter des Psalms lotet stellvertretend für uns das Spannungsfeld zwischen uns und Gott aus. Er gibt sich nicht damit zufrieden, freundlich zu Gott zu sein, und zu ihm zu beten. Nein. Er geht tiefer. Dorthin, wo es weh tut.
So zeigt er Gott sein Herz und den Schmerz, der in ihm wohnt. Ungeschminkt. So wie es ist.
Es ist ein Moment der tiefen Ehrlichkeit. Und zugleich der Scham. Es ist ein Moment der Ohnmacht. Des Scheiterns. Und zugleich ein Ort der Kraft. Weil Gott da ist. Auch in diesem Moment.
Und so ist er bereit, nachdem er Gott sein Herz gezeigt hat, sich wieder auf den Weg zu machen. Er will sein Leben neu beginnen, ohne diesen Hass, und ohne vor sich und vor Gott weglaufen zu müssen. So legt der Beter des Psalms sich am Ende von sich aus in die Hände Gottes. Er flieht vor Gott nicht mehr, sondern übernimmt – in all´ der Gebrochenheit seines Lebens – die Verantwortung für sich und sagt:
23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;.
prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.
24 Und sieh´, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.
Liebe Gemeinde
Der Psalm 139 nimmt uns mit auf eine weite Reise mitten hinein in die Spannungsfelder, die zwischen uns und Gott aufbrechen können. Er lotet diese Felder unbarmherzig aus und lässt auch die Gedanken zu Wort kommen, die wir uns vielleicht aus Höflichkeit oder Scham verkneifen würden. Er spielt diese Gedanken bis zu ihrem bitteren Ende durch und hilft uns auf diese Weise, ein tieferes Verständnis von uns selbst und von Gott zu finden.
Er zeigt uns, dass es keinen Sinn macht, vor Gott fliehen. Er macht uns Mut, Gott auch die Gefühle zu zeigen, die wir uns selbst nicht zugestehen wollen und die uns peinlich sind. Und er lädt uns ein, auch unser Leben von uns aus in die Hände Gottes zu legen. So dass auch wir zu Gott sagen können:
23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.
24 Und sieh´, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.
Amen.
