Mit Gottes Reich ist es wie mit einem Senfkorn, das auf ein Feld gesät wird. Es ist zwar das kleinste von allen Samenkörnern. Wenn es aber in die Erde kommt, wächst es schnell heran und wird größer als die anderen Gartenpflanzen. Ja, es wird zu einem Strauch mit so ausladenden Zweigen, dass die Vögel in seinem Schatten ihre Nester bauen können. (Mk. 4, 31-32)
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Gott segne Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde
Carl Müller war ein schüchternes Kind. Er war kleiner, als die anderen Kinder seines Alters und wurde von ihnen darum öfter herumgeschubst. Von den Kindern, die größer waren als er … die mutiger waren … oder brutaler.
Carl Müller fand das nicht gerecht. Doch wagte er es nicht, sich gegen die anderen Kinder zu wehren. Abends in seinem Bett betete er zu Gott: „Bitte hilf mir, und schenk´ mir morgen einen Tag, an dem die anderen Kinder freundlicher zu mir sind.“
Das Beten, so hatte er von seiner Oma gelernt, war ein Ort, an dem er alles sagen durfte. Alles, was ihm auf dem Herzen lag. Auch das, was er sich sonst niemandem zu sagen traute.
„Gott hört dich“, hatte seine Oma gesagt. „Und Gott hilft, wenn auch nicht immer gleich.“ Gott half. Er half ihm, Worte zu finden für seine Not. Worte, mit deren Hilfe die Not aus ihm herausfließen konnte, so dass nicht mehr wie ein dunkler Kloß in seiner Seele lag. Worte, durch die er nicht mehr so allein war mit dem, was ihn bedrückte, sondern seine Not mit jemand anderem teilen konnte. Zuerst mit Gott. Und später mit seiner Mutter. Er kannte die Worte ja schon. Da war es nicht mehr so schwer, sie erneut zu sagen. Seine Mutter hörte ihm aufmerksam zu. Danach ging sie zu seiner Erzieherin im Kindergarten und ab da wurde es besser.
Damals wurde ein Samen in ihn gelegt. Der Samen des Glaubens. Eines Glaubens, der aus dem Vertrauen lebte, dass Gott für ihn da war. Und dass er Gott alles sagen konnte, was ihm auf dem Herzen lag, auch das Unsagbare. Der Samen eines Glaubens, der hoffte. Hoffte, dass die Ungerechtigkeit in dieser Welt nicht für immer bleiben musste. Und der Samen eines Glaubens, der auf die Liebe und auf die Verständigung setzte. Und nicht auf Hass oder Gewalt.
Manche der Kinder aus seinem Kindergarten wurden später seine Freunde. Sie begleiteten ihn durch seine Schulzeit und in den Jahren, in denen er größer wurde. Mit anderen wurde er nie warm. Doch war er bald größer als sie, so dass er sie körperlich überragte. Er hätte es ihnen nun heimzahlen können. Doch sein Glaube sagte ihm, dass dies nicht richtig wäre. „Übe keine Rache aus, sondern überwinde das Böse mit dem Guten“ – diese Worte hatte ihm seine Oma mit auf den Weg gegeben. Er vertraute seiner Oma. Und auf die Worte aus der Bibel.
So wuchs er zu einem Jugendlichen heran. Sein Glaube wuchs mit ihm mit. Wobei sich sein Glaube in dieser Zeit veränderte. Der Same des Vertrauens war noch immer in ihm da. So wie in seinen Kindertagen. Aber Gott, das Gegenüber für dieses Vertrauen, wurde ihm zunehmend fremd. Als Kind hatte er sich Gott immer als einen alten Mann vorgestellt, der auf einem Thron in einer Wolke sitzt und von dort aus alles sieht, was hier auf der Erde geschieht. Aber so konnte Gott nicht sein. Das sagte ihm sein Verstand. Kein Mensch wohnte in einer Wolke. Und auch Gott wohnte nicht in einer Wolke.
Aber wo wohnte Gott dann? Und wie sah er aus? Vielleicht sah Gott ja gar nicht aus wie ein alter Mann mit einem langem weißen Bart, sondern …? Ja wie? Da war kein Bild von Gott in seinem Herzen zu finden, nur eine große Leere. So bekam sein Glaube auf einmal einen Kratzer. Er wagte es nicht, mit anderen über diesen Kratzer zu reden und so wurden aus diesem Kratzer nach und nach ein tiefer Riss, in den sein Glaube immer tiefer versank und am Ende verschluckt wurde.
Er gab das Beten auf. Es machte für ihn keinen Sinn, zu jemandem zu reden, den er sich nicht vorstellen konnte und den es vermutlich gar nicht gab. Nein. Im Buch seines Lebens hatte er das Kapitel des Glaubens für sich abgeschlossen. Der Glaube gehörte zu seiner Kindheit, genauso wie der Weihnachtsmann oder der Osterhase, doch in seinem jetzigen Leben hatte er nichts mehr zu suchen. Und auch wenn es tief in seinem Herzen noch eine Stelle gab, die darüber traurig war, dass er seinen Glauben verloren hatte, war er zugleich stolz auf sich. Er war nun kein Kind mehr, sondern erwachsen.
Trotzdem lag das Samenkorn des Glaubens noch immer in ihm verborgen. Es ruhte in seinem Herzen und wartete darauf, in seinem Leben wieder aufgehen zu können. Als er sich als Jugendlicher in ein Mädchen verliebte, das neu in seine Klasse gekommen war, war der Zeitpunkt dazu gekommen.
Er brachte in der Nähe dieses Mädchens kein vernünftiges Wort über die Lippen. Stammelnd stand er vor ihr, von einer Macht ergriffen, die sein Leben komplett umgeworfen hatte. Diese Macht konnte niemand sehen. Niemand außer ihm. Wer weiß, vielleicht konnte ja auch das Mädchen etwas von dieser Macht spüren. Das hoffte er zumindest, auch wenn er sich da nicht so sicher war. Trotzdem war diese Macht da. Wie eine Urgewalt, die seine Welt auf den Kopf gestellt hatte – oder, wie er fand, vom Kopf zurück auf die Füße. Denn die Welt kam ihm so viel schöner vor. Viel besser. Und irgendwie Richtiger.
In dieser Welt war auf einmal auch wieder Platz für Gott. Vielleicht war Gott ja ganz ähnlich, wie die Liebe? Er wusste nicht, wie dieser Gedanke zu ihm gekommen war, aber irgendwann war er auf einmal in seinem Kopf aufgetaucht. Und seitdem wohnte er da. Wie in einem Haus. Schließlich war diese Liebe weitaus mehr, als nur das, was er in sich spürte. Sie hatte etwas Allumfassendes. Ja, sie hatte etwas Göttliches und Gott selbst war ein Teil von ihr. So stellte er sich Gott auf einmal ganz anders vor, als in seiner Kindheit. Gott thronte nicht mehr auf einer Wolke im Himmel, sondern wohnte in unseren Herzen. Er wohnte dort, so wie auch die Liebe dort wohnte. Gott wohnte aber nicht nur in seinem Herzen, sondern auch in den Herzen der anderen Menschen. Und er wohnte in dem Raum, der zwischen den Menschen entstand, wenn sie sich in Liebe begegneten. Gott war die Macht, der die Menschen zur Liebe führte, und mit dessen Hilfe, der ganze Unsinn den die Menschen immer wieder anrichteten, sich in etwas verwandelte, das wieder Sinn machte.
Es war eine ganz neue Vorstellung von Gott, die in dieser Zeit in ihm wuchs. Gott wohnte nicht weit von ihm entfernt, sondern in ihm wie die Liebe. Oder die Hoffnung. Oder wie das Vertrauen oder die Freude. Gott war auch nicht nur für einen da, wenn man sich mit seinen Sorgen an ihn wandte, sondern freute sich auch mit einem, wenn es einem gut ging. Oder wenn sich jemand stark fühlte. Oder wenn jemand verliebt war.
So sprach er wieder mit Gott und erzählte ihm von seiner Liebe. Wie schön das Mädchen war, in das er sich verliebt hatte. Wie anmutig sie war. Und wie klug. Und was er zuvor Gott gesagt hatte, das konnte er später auch zu dem Mädchen sagen. Nicht, dass seine Liebe durch seine Worte von Erfolg gekrönt gewesen wäre. Nein. Das war leider nicht der Fall. Doch hatte er durch die Entdeckung der Liebe seinen Glauben wieder gefunden. Einen Glauben, den er wie ein Geschenk dankbar empfing.
Die Zeit verging. Er wurde älter und stürmte in die Welt hinaus. Er wollte alles sehen. Alles erleben. Er verliebte sich neu und er entliebte sich wieder. Er lernte sich besser kennen. Das, was er war, und das, was er konnte. Wie auch das, was er sein wollte. Es waren spannende Jahre, und sein Glaube war ein Teil seines Lebens, auch wenn sein Glaube in diesen Jahren mehr in der Hintergrund rückte.
Vielleicht auch, weil sein Leben in dieser Zeit immer mehr zu einem Geben wurde. Er gab gern. Zu Geben war ein Teil des Bildes, das er von sich hatte. Er wollte ein Mensch sein, ja, er wollte ein Mann sein, der anderen Menschen etwas gab. Doch irgendwann war dieses Geben in seinem Leben in eine Schieflage geraten. Es war immer nur ein Geben, Geben, Geben. Da war kein Nehmen mehr.
Wenn er so weitermachte, das wurde ihm irgendwann klar, war bald nichts mehr von ihm übrig. Er spürte ein Teil dieser Leere schon jetzt. Er spürte, wie er innerlich härter wurde, unbarmherziger. Auch zynischer. Ja, er spürte, wie er zu jemandem wurde, der er nicht sein wollte.
Er begriff, er musste sein Leben ändern. Er musste raus aus seiner Welt, die sich immer nur schneller und schneller drehte und die immer mehr von ihm forderte. Er musste eine neue Welt finden, eine, die langsamer war, und in der es nicht immer nur ein Geben, Geben, Geben gab, sondern auch Nehmen. Sonst ging er in der Welt, die er sich aufgebaut hatte, verloren.
Er hörte auf, den Sonntag mit allen möglichen Arbeiten und Aktivitäten zu füllen und ruhte sich stattdessen aus. Dafür, so erinnerte er sich, hatte Gott diesen Tag den Menschen geschenkt. Doch die Ruhe allein machte ihn noch nicht ruhig. Da fehlte noch etwas. Es fehlte die Nahrung für seine Seele. Er brauchte einige Zeit, bis er einen Ort fand, an dem seine Seele diese Nahrung erhielt. Es war der Gottesdienst. Nicht in seiner Heimatgemeinde. Aber ein paar Kilometer weiter. Dort konnte er seine Seele öffnen. Dort nahm er etwas mit, das ihn trug.
Er begriff. Es braucht im Leben nicht immer irgendwelche großartigen Wunder, um einen neuen Atem zu finden. Manchmal reichte es aus, seinem Leben eine Ordnung zu geben. Er machte in der Firma nicht mehr alles mit, was die anderen machten. Seine Karriere verlangsamte sich dadurch. Die anderen kamen schneller nach oben. Aber manche von ihnen hielten sich dort nicht lange, sondern fielen von der Leiter auch schneller wieder nach unten. Oder verschwanden ganz. Er lernte, auf ein langsames Wachstum zu setzen. Eines, in dem er sich treu bleiben konnte und das ihm entsprach. Sein Glaube half ihm dabei.
In dieser Zeit lernte er eine Frau kennen. Sein Herz war offen für sie. Ebenso wie ihr Herz offen war für ihn. Sie verliebten sich. Sie heirateten. Bald kamen Kinder. Er freute sich an seinen Kindern und versuchte, ihnen das mit auf ihren Weg zu geben, was auch ihm in seinem Leben gut getan hatte. Der Glaube war ein Teil davon. Der Glaube und das Vertrauen, dass da noch eine Macht da war, die größer war als wir Menschen und alles, was wir verstehen können und die es gut mit uns meinte. Und die uns half, einen Platz in dieser Welt zu finden.
Er entdeckte mit seinen Kindern die Welt noch einmal neu. Er staunte mit ihnen über jede Schnecke, die sie auf ihren Spaziergängen trafen, wie auch über jeden Stern in der Nacht. Sein Glaube wurde gefühlvoller in dieser Zeit. Er wurde einfacher und elementarer. Auch wurde er tiefer. Er spürte in sich eine allumfassende Verbundenheit mit Gott, die alles Leben einschloss. Ihn, seine Frau und seine Kinder, aber auch alles andere Leben in dieser Welt. Gott war für ihn nicht mehr nur eine unsichtbare Kraft, die in ihm oder in anderen Menschen wohnte. Nein. Gott war die Kraft, die die ganze Welt erfüllte. Gott war in jedem Atom. Er war in allem. Aus ihm war am Anfang alles entstanden, und in ihm würde am Ende auch alles wieder enden. Alles war ein großes Ganzes. Und er war ein Teil davon.
So wuchs sein Glaube in dieser Zeit und veränderte sich erneut. Er begriff, dass der Glaube nichts war, das man haben konnte, sondern etwas, das einem geschenkt wurde. Er begriff, dass sein Glaube manchmal voller Zweifel war. Und manchmal voller Vertrauen. Und manchmal voller Zweifel und Vertrauen zugleich. Er begriff, dass es im eigentlichen Sinn gar kein Christ-sein gab, sondern nur ein Christwerden. Weil alles sich veränderte. Auch sein Glaube.
Mit Hilfe seines Glaubens gelang es ihm, manche Berge in seinem Leben zu versetzen. Sein Glaube half ihm aber auch, die Berge, die er nicht versetzen konnte, stehen zu lassen. Und manche Berge, die in seinem Leben quer standen, zu erklimmen.
Auch blieb sein Glaube in all den Jahren nicht vor weiteren Rissen verschont. Als er alt wurde und seine Frau starb, haderte er Tag für Tag mit Gott. Doch solange er mit ihm haderte, sprach er auch mit ihm. Und während er mit Gott schimpfte oder ihn mit seinen Fragen bombardierte, gab es immer wieder Momente, in denen er eine seltsame Ruhe verspürte, für die er Gott von Herzen dankte. Er hatte, was Gott betraf, sich zu einer radikalen Ehrlichkeit durchgerungen. Er musste Gott nichts mehr beweisen. Er musste ihm auch nichts mehr vormachen. Über diese Phase war sein Glaube schon langte hinausgewachsen. Gott wusste, wer er war. Besser als er es selbst wusste. Gott hielt auch sein Hadern aus. Er hielt seine Fragen aus. Genauso wie seine Wut. Gott war stärker als das alles. Und sein Glaube war es auch.
Manchmal dachte er in dieser Zeit an seine Kindheit zurück. Daran, wie damals alles angefangen hatte. Mit diesem kleinen Senfkorn, das seine Eltern in ihn gepflanzt hatten. Und was für ein verästelter großer Baum aus diesem Samenkorn gewachsen war, in dem sogar der Zweifel wohnen konnte, ohne ihm gefährlich zu werden.
Am Ende seines Lebens legte Carl Müller sein Leben in Gottes Hand. Bei ihm war er geborgen. Mit allem, was er war. Er starb friedlich. Und lebenssatt.
Wo sind Sie in ihrem Leben geborgen? Und wo finden Sie Nahrung für Ihre Seele?
An welcher Stelle wurde in Ihrem Leben das Samenkorn des Glaubens gepflanzt? Und welche Risse hat ihr Glaube in ihrem Leben abbekommen?
Glaube kann unendlich vielfältig sein. Er kann groß sein und stark. Oder ängstlich und klein. Er kann voller Fragen sein, oder voller Gewissheiten. Doch ganz egal, wie ihr Glaube aussieht, halten sie ihn in Ehren. Denn in ihrem Glauben liegt ein wertvolles Samenkorn verborgen, aus dem ein großer Baum wachsen kann, in dessen Schatten sie Hoffnung, Mut und Liebe finden können. Ein Samenkorn, das ihnen die Tür zu Gott und seinem Reich öffnet, hier und jetzt auf der Erde – und in Ewigkeit. Amen.
Pfr. Paul Wassmer (Abschlussgottesdienst zum Sommerkaffee, 5. Juli 2026)
